Bremer Literaturpreis
 
 
 
Bericht von der Verleihung des Bremer Literaturpreises 2005

Im traditionellen Rahmen der Oberen Halle des Alten Rathauses wurde am 26.1. der Bremer Literaturpreis 2005 an Brigitte Kronauer und der Förderpreis des Bremer Literaturpreises 2005 an Antje Rávic Strubel verliehen.

Abbildung: Publikum beim Festakt (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
Der Festakt begann um 12.15 Uhr mit der Begrüßung durch Staatsrätin Elisabeth Motschmann, die den verhinderten Bürgermeister Dr. Peter Gloystein vertrat. Frau Motschmann sprach von einem umfassenden Prozess der kulturellen Neuaufstellung in der Stadt, den sie in den Zusammenhang mit Bremens Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt 2010 stellte. Doch es ginge bei diesem Prozess nicht allein um Bremen 2010: »Doch was heißt und zu welchem Ende betreiben wir diesen Entwicklungsprozess? Ein schillerndes Jahr 2010 allein begründet den Aufwand wohl kaum. Letztendlich geht es darum, die Identität der Stadt und der Bürger, die in ihr leben, zu stärken. Es geht darum, des eigenen Profils bewusst zu werden. Es geht darum, Stärken und Schwächen richtig einzuschätzen und mit diesem Rüstzeug den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen.« In Bezug auf die Ausrichtung der Kulturpolitik hieße dies, die Eigenheiten Bremens in einen europäischen Kontext zu stellen und unsere Ideen einer lebenswerten Urbanität für Europa fruchtbar zu machen. Frau Motschmann stellte fest, der Prozess der kulturellen Neuaufstellung habe schon viel und Viele bewegt und verwies in diesem Zusammenhang auf die Projekte »Virtuelles Literaturhaus« unf »Bibliothek im Eis«. Abschließend dankte die Staatsrätin der Jury, der Rudolf-Alexander-Schröder Stiftung, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadtbibliothek Bremen und der Öffentlichen Versicherung Bremen, die den Förderpreis finanziert hatte, für deren Engagement für den Bremer Literaturpreis.

Dokumentation der Rede >>

Abbildung: Elisabeth Motschmann (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
In ihrer Laudatio auf Brigitte Kronauer ordnete Sibylle Cramer das prämierte Werk ein als jüngste Baustein eines Erzählkunstwerks, das seinen Platz neben dem Kafkas, Thomas Manns, Musils, Arno Schmidts, Thomas Bernhards habe. Sie bezeichnete Brigitte Kronauer als einzigartige Erzählerin, deren künstlerische Arbeit von Beginn an in ein Parallelverhältnis zur ästhetischen Reflexion eingetreten sei und die im Begriff sei »im 21. Jahrhundert Quartier zu machen für die Große Erzählung, den klassischen philosophischen Roman.«
Zusammenfassend spricht die Laudatorin von Brigitte Kronauers Roman als einem ›Weltspiel‹: »Auch dieser kunstphilosophische, Legitimitätsfragen unserer Zeit erörternde Roman, der nach dem Selbstbezug und der Selbstbegründung unserer pluralistischen pragmatischen, auf den Kompromiss setzenden Gesellschaft fragt, nach unserem Möglichkeitssinn, dem Imaginären als Punkt, an dem Gemeinschaften auf sich selbst einwirken –, auch dieser große europäische Roman ist ein Weltspiel, komplementär erzählt, doppelpolig. Das leuchtend farbige Erzählgemälde einer mit der Leere konfrontierten, der Einöde des Meers gegenüberstehenden Zivilisation.«

Dokumentation der Laudatio >>

Abbildung: Sibylle Cramer (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
Prof. Dr. Wilfried Schoeller zeichnete anschließend Brigitte Kronauer mit dem Bremer Literaturpreis 2005 aus. Sie erhält ihn für ihren im Verlag Klett-Cotta erschienenen Roman ›Verlangen nach Musik und Gebirge‹.
»In ›Verlangen nach Musik und Gebirge‹ verwandelt die erzählende Heldin die Romanbühne in das Interieur der Seele: ein wunderbarer Mummenschanz vor dem Hintergrund der belgischen Küstenlandschaft, der das Thema Schein in seinen Spielarten als Schatten, Blendwerk und Nichtigkeit des Wesens vorführt.« (Aus der Begründung der Jury)

Abbildung: Prof. Dr. Wilfried Schoeller übergibt den Bremer Literaturpreis an Brigitte Kronauer (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
In ihrer kunstvollen Dankesrede nahm Brigitte Kronauer eine Funktionsbestimmung von Literatur in einer pluralistischen, postmodernen Welt vor:
»Und tatsächlich spiegelt Literatur auch, da sie ihre gegenständliche Welt aus Ideen neu und schlüssig zu bauen sucht, das uns allen Gemeinsame, die uns allen gemeinsame Anfälligkeit für die Wonnen der fixen Idee. Ein Roman kann das Hin und Her zwischen unserem Bedürfnis nach der unbegrenzten Freiheit des Vieldeutigen, Flüssigen und andererseits nach dem Labsal des Typisierens, des Verfestigens bis zur Schablone, nach Einseitigkeit und Übersteigerung zu Idol und Sündenbock im Großen und wohl lieber noch im Lächerlichen, im sehr Kleinen, auch Schmerzlichen darstellen.
Darstellen, mehr nicht. Das ist der Beitrag der Literatur zum vorgeführten Problem. Sie mögen das allzu dezent finden. Meine Indezenz besteht darin, dass ich die gesamte Zeit über von nichts anderem geredet habe als von den Hintergründen, Hintergedanken meines Romans, den Sie […] in Bremen auszeichnen.«

Dokumentation der Dankesrede >>

Abbildung: Brigitte Kronauer (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
In seiner Rede auf die Förderpreisträgerin 2005, Antje Rávic Strubel, bezeichnete der Literaturkritiker Dr. Lothar Müller Strubels Roman als eine Art ›Anti-Märchen‹:
»Seit Georg Büchner gibt es in der deutschen Literatur das Bild des leeren Himmels. Büchner hat es einer Großmutter, einer Märchenerzählerin in den Mund gelegt. Sie erzählt es auch wie ein Märchen, aber es ist zu Recht als Anti-Märchen berühmt geworden. Der Roman ›Tupolew 134‹ hat etwas von einem solchen Anti-Märchen. Er dementiert allerdings nicht mehr den christlichen, sondern den sozialistischen Himmel und seine Engel, die Kosmonauten. Dem Blick aus der Sojus-Kapsel Sigmund Jähns setzt er den Blick der Entführer aus der Tupolew auf die Grenzanlagen und die Berliner Mauer entgegen.«

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Abbildung: Dr. Lothar Müller (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
Prof. Dr. Wilfried Schoeller übergab Antje Rávic Strubel den Förderpreis des Bremer Literaturpreises 2005.
Er wurde ihr zuerkannt »für die große erzählerische Kraft, den sprachlichen Wagemut und die wache Intelligenz, mit der sie eine Episode aus der deutsch-deutschen Geschichte schildert. Ihr Roman ist ein abgründiges Porträt des Lebenswillens unter den Bedingungen der Ausweglosigkeit.« (Aus der Begründung der Jury)

Abbildung: Prof. Dr. Wilfried Schoeller zeichnet Antje Rávic Strubel mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises 2005 aus. (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
In ihrer Dankesrede setzte sich Antje Rávic Strubel mit dem Verhältnis Autorinnenidentität zur Romanhandlung auseinander: »Immer wieder werde ich als Autorin danach gefragt, ob ich denn auch alles tatsächlich erlebt hätte. So wie man historischen Romanen gern Quellenangaben abverlangt, scheint man den Wahrheitsgehalt von Gegenwartstexten an der Biografie der Autorin zu messen. Am gelungensten, scheint mir, wäre ein Text, der direkt aus meinem Körper käme, man hätte dann zusätzlich zur Biografie noch etwas, was man anfassen kann.«
Am Beispiel ihres ›Kunstnamens‹ Rávic (»Der Name sollte seiner Idee entsprechen. Ich wollte ihn bedeutungsleer, ich wollte ihn frei von jeglicher Geschlechtszuweisung, von Alter und Symbolik.« setzte sie sich mit dem Bedürfnis nach Benennungen als Ordnungskriteium auseinander.: »Es ist paradox, etwas zu benennen, was nicht existiert. Über die Benennung stellt sich wieder eine Ordnung her, und nur ihr seid die vielen Interpretationen geschuldet. Wenn Rávic sich also wirklich jeder Bedeutung entzieht, lässt sich darüber nicht sprechen. Ich jedenfalls fühle mich nur in der Lage, mit Rávic zu schreiben«

Dokumentation der Dankesrede >>

Abbildung: Antje Rávic Strubel (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
Für den musikalischen Rahmen des Festakts sorgten Marianne Schulte (Violine) und Florian Oberlechner (Akkordeon).

Abbildung: Marianne Schulte und Florian Oberlechner (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)