Bremer Literaturpreis
 
 
 
Abbildung: Lothar Müller  (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
DOKUMENTATION – Lothar MÜller : Laudatio auf die FÖRDERPreistrÄgerin Antje RÁvic Strubel

»Etwas geht immer schief«

Sehr verehrter Herr Senator, sehr verehrte Damen und Herren, liebe Frau Strubel,

in der Literatur kommt es auf jedes Wort an, jedes einzelne zählt, wenn es auch nicht immer verrät, was und wie viel. Hören Sie sich einmal das folgende Wort an: »Luftraum«. Wenn man es etwas zögernd ausspricht, dann klingt plötzlich ein zweites Wort mit: »Luft-traum«. Mag sein, die beiden machen sich den Ort in einem Roman streitig. Es kann aber auch sein, dass sie auf das Entweder-Oder verzichten und beide gleichzeitig da sind, als wechselseitiges Echo. Um einen solchen Fall handelt es sich bei dem Roman »Tupolew 134«, für den Antje Ravic Strubel den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 2005 erhält.

Der Luftraum, schnell und scharf und ohne Zögern gesprochen, ist eine prosaische Größe, eine juristisch definierte Sphäre, ein Hoheitsgebiet. Es herrschen darin strenge, ja mitunter tödliche Regeln. Erst kürzlich hat Bundespräsident Köhler nicht ohne Zögern ein Gesetz unterzeichnet, in dem für den Fall eines terroristischen Angriffs dem Verteidigungsminister die Möglichkeit eingeräumt wird, eine entführte Passagiermaschine, die als Angriffswaffe eingesetzt wird, für den Abschuss freizugeben. Zum politischen Gebilde Deutschland gehört sein Luftraum, und eine der Umschreibungen für die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten nach 1989 ist der Satz: Der Luftraum über Deutschland ist nicht mehr geteilt. Oder, poetischer formuliert: Es gibt den geteilten Himmel nicht mehr.

Antje Ravic Strubel ist 1974 in Potsdam geboren, sie war 1989 15 Jahre alt, also noch jung, aber schon alt genug, um bewusst mitzuerleben, was sie in ihrem Roman gelegentlich das Verschwinden eines Landes nennt. Wenn die Klappentexte ihrer Bücher nicht trügen, hat sie Amerikanistik, Psychologie und Literaturwissenschaft in Potsdam und in New York studiert. In New York soll sie Beleuchterin an einem Off-Theater gewesen sein, New York als Schauplatz einer deutsch-deutschen Liebesgeschichte taucht in ihrem Romandebüt »Offene Blende» aus dem Jahr 2001 auf, es ist ein New York im Echoraum von Uwe Johnsons »Jahrestagen«. Aber von den Klappentexten über Antje Ravic Strubel führt kein schneller Weg in ihre Bücher, sie verraten ja nicht einmal, wie und wann das Ravic in ihren Namen gekommen ist und ihm den Klang eines Pseudonyms beigemischt hat.

Der schnelle Weg von den Klappentexten in den Roman hinein wäre der Weg des autobiographischen Schreibens: Von Potsdam nach New York, ein Bericht aus der Wendezeit. Antje Ravic Strubel hat diesen schnellen Weg gemieden. Sie hat sich auf Umwegen den Jahren ihrer Kindheit genähert, dem inzwischen verschwundenen Land, in das hinein sie geboren wurde. »Tupolew 164« ist der Roman einer Luftraumverletzung im Jahre 1978, als die Autorin vier Jahre alt war, der Roman einer Luft(t)raumverletzung, deren Protagonisten sehr viel älter sind als sie selbst. Im März 1954, im Jahr nach den Arbeiteraufständen des 17. Juni 1953 ist Katja Siems geboren, 1939, als der zweite Weltkrieg begann, ihr Arbeitskollege Lutz Schaper. Die beiden entführen am 30. August 1978 eine polnische Linienmaschine mit DDR-Passagieren an Bord auf dem Flug von Danzig nach Berlin-Schönefeld und zwingen die Piloten mit einer Spielzeugpistole zur Landung in Berlin-Tempelhof. Es hat diesen Fall, mit Akteuren, die in Wirklichkeit anders hießen, tatsächlich gegeben, er hat zu beträchtlichen Verstimmungen zwischen Ost und West geführt. Die Bundesregierung war froh, den Fall an die amerikanischen Instanzen in Berlin abgeben zu können, die Entführung der Landshut durch RAF-Terroristen lag noch nicht lang zurück. Der Prozess gegen die Entführer, von einem amerikanischen Gericht vor deutschen Geschworenen geführt, endete mit einem Freispruch für die Entführerin und einer geringfügigen Freiheitsstrafe für den Entführer.

Über Ereignisse, die Gegenstand eines Prozesses werden, gibt es eine Fülle von Quellen. Antje Ravic Strubel wird manche davon studiert haben. Aber sie will, anders als der Historiker und der Richter, nicht wissen, wie es eigentlich gewesen ist. Die Logik eines Prozesses verlangt, Ereignisketten möglichst lückenlos zu rekonstruieren und möglichst unwiderleglich mit den dokumentierten oder erschlossenen Handlungsmotiven der Beteiligten zu kombinieren. Die Logik des Erzählens, der Antje Ravic Strubel folgt, steht gerade umgekehrt im Dienst der Herstellung von Lücken, Leerstellen, Ungewissheiten. Sie arbeitet so wie Penelope: sie löst das Gewebte, den Text des historischen Ereignisses im Erzählen fortwährend auf. Sie entnimmt dem verbürgten Fall die Figuren und Handlungsabläufe, aber sie nimmt ihnen die Folgerichtigkeit. Jede erzählte Geschichte wirft im Raum ihres Romans den Schatten einer nicht erzählten, nicht zu Ende erzählbaren: Da ist Hans Meerkopf, der Techniker aus dem Westen: Verliebt sich Katja Siems in ihn, weil er ihr Fluchthelfer wird, oder wird er ihr Fluchthelfer, weil es diese Ost-West-Liebe gibt? Da ist Verona, die Freundin von Katja Siems, Arbeitskollegin in der Lastwagenfabrik in Ludwigsfelde wie Lutz Schaper. Ist sie die Verräterin, die Hans Meerkopf bei der Stasi denunziert hat? Der Roman ist an der fortlaufenden Produktion von Fragen mehr interessiert als an der Produktion der dazugehörigen Antworten.

Statt die Figuren passgenau in ihr Leben einzubetten, schafft er Leerräume um sie herum und inspiziert ihre Innenwelten wie unsicheres, vermintes Gelände. So höhlt er sich den Raum für seine Geschichten aus, etwa für die Ost-West-Liebesgeschichte, die keineswegs nur eine symbolische Liebe zum Westen ist, sondern ein sehr sinnlicher, manchmal aufgekratzter, manchmal unglücklich verhakte Slapstick der Gefühle. In der Real- und Literaturgeschichte der DDR um 1978 gab es zwei markante Frauentypen: die Spitzensportlerin auf Weltniveau und die leidende, von körperlichen und seelischen Krankheiten gezeichnete Romanheldin. In »Tupolew 134« gibt es das Ungenügen am sozialistischen Alltag (»Ich lebe nicht mehr gern so.«) und das aufschwunglose Weiterleben nach der Flucht. Aber in Katja und Verona brandet dagegen verlässlich wie das Meer eine Grundströmung fordernder Vitalität und Sexualität an.

Antje Ravic Strubel hat für die poröse, gleitende Wirklichkeit, deren Spuren ihr Roman verfolgt, ein suggestives Bild gefunden: den märkischen Sand. Er macht aus Ludwigsfelde im Südosten von Berlin nicht nur eine Wüstenstadt, er ist zugleich das Element der historischen Überlieferung: »Im Laufe des Sommers sammelte sich in der Luft immer mehr Sand. Es trieb ihn auf vom Rand der Kiesgruben und unter den losen Wurzeln der Kiefern, die die Stadt umgaben. Er setzte sich in die Kugellager der Autos und auf die schmalen Gummis der Scheibenwischer, er ließ die Zahnkränze der Fahrräder knacken und die Balkonpflanzen staubig aussehen, und er fiel auf die Baracken vom Rat der Stadt. Erdrang in die Büros, in die Besprechungen beim Bürgermeisterein und vermischte sich mit dem altern abgelagerten, schweißdurchtränkten Sand, der hier lag, seit der Rat der Stadt Ludwigsfelde eine SS-Baracke gewesen war. Er war mit den Gefangenenlisten verstaubt, er hatte an den Stiefeln der Bewacher gehangen auf ihrem Weg in die Zwangsarbeiterlager und wieder zurück in die Stadt. Er war in die Holzfußböden gekrochen, und immer mal wieder stieg eine fast unsichtbare Wolke auf. Nur die Fassade war inzwischen neu gestrichen mit einem sandabweisenden Hochglanzlack.«

Zu dem von Geschichte kontaminierten Sand, der als Wolke aufsteigt, gibt es in diesem Buch ein Gegenstück: den Schacht von Ludwigsfelde, in den man hinabstiegen, in dem man auf und ab klettern kann zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Statt einen Erzählfaden abzuspinnen, setzt Antje Ravic Strubel ihren Roman aus immer neuen Abstiegen und Anläufen des Hinauf und Hinabkletterns zusammen: hinab bis zum Juni 1953, von dort hoch zur Entführung des Jahres 1978, dann ein Stück weiter bis zum Prozess, wieder hinab in den sozialistischen Alltag, in dem aus Rohlingen Werkzeuge zu fertigen sind, und hoch hinauf bis zur Wendezeit und in die mittleren neunziger Jahre hinein.

Der Schacht, Zentralsymbol der Erinnerung, ist die Vertikale nach unten. Ihr Gegenüber ist die nah oben strebende Vertikale, denn dieser Roman heißt wie ein russischer Flugzeugtyp und ist, wie gesagt, ein Roman der Luft(t)raumverletzung. Ich glaube nicht, dass er das zufällig ist. Denn die Eroberung der Vertikale ist im Sozialismus von Beginn an, vor allem aber nach dem zweiten Weltkrieg eins der pathetischen Großprojekte gewesen. Gagarin war in den fünfziger Jahren der dazugehörige russische Held, aber auch die DDR hatte ihren Gagarin. Er hieß Sigmund Jähn und flog der Erdatmosphäre, im Luftraum über Berlin, die Tupolew 134 entführt wurde. Die Urkundenübergabe an Antje Ravic Strubel würde sich skandalös verzögern, wenn ich nun daran ginge, das kosmische Element in der Mythologie des Sozialismus in allen seinen Verzweigungen darzustellen, vom Nahverkehrszug Sputnik zwischen Ludwigsfelde und Berlin bis zu Major Tom, der völlig losgelöst von der Erde in seinem Raumschiff schwebt. Es muss reichen, wenn ich sage: Sigmund Jähn muss eine der sozialistischen Märchengestalten in der Kindheit von Antje Ravic Strubel gewesen sein. Als Romanautorin hat sie der Sojus-Kapsel und dem kosmischen Helden des Sozialismus, unterwegs war, die Flucht aus der DDR im Tupolew-Flugzeug als Einspruch gegenübergestellt. In den Triumph des kosmischen Sozialismus platzte am 30. August 1978 die Nachricht von der Entführung hinein: »Es war d Wochenende, an dem Sigmund Jähn als erster Kosmonaut der DDR die Erde umrundet hatte. Es war das Wochenende, an dem das All der Erde sehr nahe gerückt war, an dem es fast sozialistischen Boden betrat. In den Nachrichten war zwei Tage lang von nichts anderem die Rede. (…) Es war das Wochenende, als auf den Fernsehbildschirmen außergewöhnlich viel Dunkel war. Unter der Sojus 64 leuchtete die Welt. In den Nächten des 28. und 29. August entstanden Fotos, auf denen die Braunkohlegebiete, der Urantagebau und die Chemielagerstätten von oben und aus großer Entfernung zu erkennen waren. Sie fluoreszierten in einem seltsamen licht. Sie funkelten, als ahmten sie unten am Boden die Sterne nach. (…) Es war eine Zeit, die einen Mann im All dringend nötig hatte.«

Seit Georg Büchner gibt es in der deutschen Literatur das Bild des leeren Himmels. Büchner hat es einer Großmutter, einer Märchenerzählerin in den Mund gelegt. Sie erzählt es auch wie ein Märchen, aber es ist zu Recht als Anti-Märchen berühmt geworden. Der Roman »Tupolew 134« hat etwas von einem solchen Anti-Märchen. Er dementiert allerdings nicht mehr den christlichen, sondern den sozialistischen Himmel und seine Engel, die Kosmonauten. Dem Blick aus der Sojus-Kapsel Sigmund Jähns setzt er den Blick der Entführer aus der Tupolew auf die Grenzanlagen und die Berliner Mauer entgegen.

Siebenmeilenstiefel und Prinzenküsse hat Antje Ravic Strubel als blinde Märchenmotive in ihren Roman gestreut. Der leere Himmel gehört darin nicht zum Volkseigentum. Für das verschwundene und so schnell so fern gerückte Land DDR, nicht zuletzt für die Erinnerungsseligkeit, mit der es heute gelegentlich heraufgerufen wird, gilt der Satz: »Etwas, das sehr weit zurückliegt, wird im Märchen am glaubhaftesten.« Für die Skepsis gegenüber dem Märchen als einer Welt, in der man sich nicht endgültig verlaufen und verlieren kann, gibt es ein syntaktisches Indiz: Das Misstrauen gegen das Imperfekt. Es trifft nicht nur das »Es war einmal…« des Anfangs, sondern auch jenes beruhigend sichere Imperfekt, in das viele realistische Geschichten einlaufen wie in ihren Heimathafen. Für die wüstesten Alpträume und die härtesten en passant-Geschichten wie die vom Selbstmord eines jungen amerikanischen Schwarzen ist in diesem Roman das Imperfekt reserviert. Meist schüttelt er die Figuren zwischen Präsens und Perfekt hin und her: »Etwas geht schief. Und es gibt Schlimmeres. Es gibt Situationen, in denen dieser Satz bereits der Vergangenheit angeht.«

Am Ende von »Tupolew 134« ist der Himmel über Deutschland nicht mehr geteilt. Aber er ist immer noch leer.

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