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›Transatlantische Affären – Wo liegt Amerika?‹

Amerika gibt es nicht.
Peter Bichsel

Die Frage, die unser Untertitel stellt, ist auf dem Umschlag einer Anthologie zu lesen, die vor zwei Jahren bei Rowohlt erschienen ist und die laut Verlag besten Erzähler »von Ernest Hemingway bis Jonathan Franzen« versammelt. Der Herausgeber, Thomas Überhoff, fand eine überraschende Antwort: »Amerika liegt uns am Herzen.« Sie ist ganz sicher nicht die einzige.
Unter dem Focus»Transatlantische Affären« laden wir mit den Veranstaltungen der 29. Literarischen Woche dazu ein, unter ganz verschiedenen Aspekten nach weiteren Antworten auf die Frage »Wo liegt Amerika?« auf die Suche zu gehen.

Der Amerikaner, der den Columbus zuerst entdeckte,
machte eine böse Entdeckung.
Georg Christoph Lichtenberg

Mit den spanischen Konquistadoren reisten die Chronisten, die nach ihrer Rückkehr vor gut einem halben Jahrtausend in der »Kontroverse von Valladollid« erstmals eine ganz andere Frage aufwarfen. Sie will wissen, was es, in den Worten Ernst Blochs, mit »Naturrecht und menschlicher Würde« auf sich hat. Es ist die Frage nach den Menschenrechten, und sie stellt sich bis heute auch in dem Land, von dessen »unbegrenzten Möglichkeiten« neuerdings nur selten mehr zu hören ist, während seine Verfassung – als weltweit einzige – nach wie vor »die Verfolgung des Glücks« proklamiert.

Columbus musste mit Verrückten ausfahren,um Amerika zu entdecken.
Und seht nur, wie diese Verrücktheit Gestalt gewonnen hat –
und Dauer.
André Breton

Die Bevölkerung der USA setzt sich, von den dezimierten und marginalisierten Ureinwohnern abgesehen, aus lauter Immigranten zusammen, die bis in unsere Tage dem »amerikanischen Traum« nachjagen, dem freilich nicht erst Henry Miller attestierte, dass er zum »klimatisierten Albtraum« degeneriert sei.

Amerika ist eine Illusion.
Ferdinand Kürnberger

In Text und Film soll es hier um transatlantische »Affären« gehen: Aus den blutigen Pfaden der Eroberung wurden Handelswege, die sich (in beiden Richtungen, versteht sich) nicht selten zu geistigen und künstlerischen Entwicklungslinien transformiert haben. Dabei werden beide Amerikas in den Blick genommen (auch aus der Perspektive der deutschen Trivialliteratur vor dem Fernsehzeitalter), und der Begriff der Affären lädt sich mit verschiedenen Bedeutungen auf.

Es war herrlich in Amerika,
aber man muss dort geboren sein,
sonst hält man es nicht aus.
Manfred Hausmann, Kleine Liebe zu Amerika

So geht es einmal nicht um Gertrude Stein, die nach Europa, sondern umgekehrt um Marguerite Yourcenar, die aus Frankreich in die USA übersiedelte; um Simone de Beauvoir, die eine Liebesbeziehung zu dem Chicagoer Schriftsteller Nelson Algren pflegte; um die sehnsüchtige Berliner Heldin aus Reinhard Jirgls Roman »Die Atlantische Mauer« oder um Charles Lindbergh, der ein Verhältnis mit einer Deutschen hatte, aber auch mit den nationalsozialistischen Machthabern anbandelte.

Ich wollte eigentlich immer Amerikaner werden,
seit ich zum ersten Mal da hin gezogen bin.
Wim Wenders

Es geht zudem um Wechselwirkungen zwischen europäischen und amerikanischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts. Es geht um den Big Mac, und es geht um jüngste Tendenzen der Literatur, wenn das Projekt eines Netzromans präsentiert wird, an dem Autoren aus beiden Kontinenten arbeiten – ein breites Spektrum also von Fragen und möglichen Antworten.

Jürgen Dierking