
IN BREMEN IST DER MUND NOCH WARM
Sehr geehrte Damen und Herren!
Liebe Anwesende, liebe Stadt Bremen, deren Gast ich heute sein darf. Ihnen und allen, die auf ganz unterschiedliche Weise dafür gesorgt haben, dass ich heute bin, wo ich bin, also hier, Ihnen allen gilt mein sehr herzlicher Dank. Und ebenso herzlich beglückwünsche ich meinen Mitpreisträger Sa¹a Stani¹iæ.
Damen und Herren. Was ist das? Schreit wie ein Esel, bellt wie ein Hund, jammert wie eine Katze und kräht wie ein Hahn? Kein Rätsel, sondern eine federleichte Aufgabe für hiesiges Publikum. Denn wer, wenn nicht die Bürgerinnen und Bürger von Bremen, wissen genau, dass die Literatur, für den Fall, dass sie gelingt, ein Märchen ist! Das Märchen ist nämlich nur scheinbar märchenhaft. In Wahrheit ist es weder märchenhaft noch fantastisch, weder wunderlich noch weltfern, weder idyllisch noch süßlich, sondern genau und direkt, oft grausam und unerbittlich. Weder Phantasterei, noch Nonsense, nicht Unverstand, sondern realistischer, als es uns manchmal lieb ist.
Wer das Märchen beim Wort nimmt, wer zu lesen versteht, erkennt sofort, dass es den angeblich straffreien Raum der Literatur und der vermeintlich schönen und freien Künste nicht gibt, sondern dass alles, was wir sagen und schreiben, in die Waagschale des Lebens gelegt wird. Wir träumen gern von der Kunst als Spiel, der Gedanke ist tröstlich, aber eine Kunst um der Kunst willen gibt es nicht. Alles Geschriebene folgt der unerbittlichen Logik des Lebens, das übrigens mehr Unsinn und Sinnlosigkeit hervorbringt als es die Literatur jemals könnte. Das Leben ist nicht zu fassen, also schreiben wir. Deshalb lesen wir.
Auch wenn es auf den ersten Blick manchmal anders scheint: Die Literatur versucht, auf jeweils ganz unterschiedliche Weise, nicht Unordnung und Verwirrung, sondern Ordnung und Sinn zu stiften, indem sie unseren Erfahrungen und unseren Wünschen und Träumen eine Form gibt. Nicht immer gelingt das, aber das ist ja die Kunst: Das Aushalten des Abgrunds zwischen dem, was ist und dem, was wir suchen. Der immer wieder naive, gelegentlich unbeholfene und nicht selten verzweifelte Versuch, eine Brücke über die Schlucht zu schlagen und unverdrossen weiter zu gehen. Aber wer will und wer kann das? Das Märchen tut es. Nur wie lesen wir Märchen? Wird der Esel gehört? Wird das Bellen eines Hundes verstanden? Wer legt den Schrei einer Katze aus? Und wer begreift das Krähen des Hahns, der das Wasser im Topf schon brodeln hört, in dem er am Sonntag kochen soll?
Damen und Herren, liebe Esser und Leser! Liebe Freundinnen und Freunde der Künste und Tiere: »Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so daß er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen; aber der Esel merkte, daß kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen: dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden.«
Was für ein Esel! Und was für eine märchenhafte Stadt, dieses BREMEN - dort nimmt man noch alternde Sänger auf. Denn wie wir wissen, fürchten sich nicht nur Esel davor, aus dem Futter geschafft zu werden, sondern wir alle, allen voran die Künstler, die nur deshalb von Ewigkeit träumen, weil sie besser als andere wissen, wie endlich das Leben und wie vergänglich die Kraft der Stimmbänder ist und wie schnell sich unsere Kräfte und Einfälle verbrauchen.
Auf seinem Weg trifft der Esel einen Hund, der zwar den tüchtigen Namen »Packan« trägt, zur Jagd aber längst nicht mehr taugt: »Weil ich zu alt bin und jeden Tag schwächer werde, hat mich mein Herr wollen totschlagen.« Darauf der Esel: »Geh mit und laß dich auch bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.« Von mir aus die Laute. Aber Pauken sind nicht jedermanns Sache. Dem einen zu simpel, dem zweiten zu drängend, dem dritten zu laut, finden sie nicht immer ein dankbares Publikum.
Das weiß auch die dritte im Bunde, die Katze: »Wer kann da lustig sein, wenn's einem an den Kragen geht - weil ich nun zu Jahren komme, meine Zähne stumpf werden und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne, als nach Mäusen herumjage, hat mich meine Frau ersäufen wollen.« Darauf der Esel: »Geh mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch auf die Nachtmusik, da kannst du ein Stadtmusikant werden.« Heilige Einfalt! Nachtmusik und Feierabend. Gnadenfrist und Gandenbrot.
»Die Katze hielt das für gut und ging mit. Darauf kamen die drei an einem Hof vorbei, da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. Du schreist einem durch Mark und Bein, sprach der Esel, was hast du vor? Da hab ich gut Wetter prophezeit, sprach der Hahn, aber weil morgen zum Sonntag Gäste kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wollte mich morgen in der Suppe essen. Ei was, du Rotkopf, sagte der Esel, zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas besseres als den Tod findest du überall.«
Etwas Besseres als den Tod finden wir überall. Ein scheinbar pragmatischer Märchensatz, der sozusagen sprichwörtlich geworden ist. Aber was bedeutet er wirklich? Was ist besser als der Tod? Die Pauke? Die Kunst? Die Musik? Ein Posten? Die Rente? Ein dreizehntes Monatsgehalt? Eine Reise nach Bremen? Wie erreicht man überhaupt die Stadt seiner Wünsche? Und kommen wir jemals rechtzeitig an? Sind wir nicht immer zu spät? Meistens ist der Weg weiter, als man denkt. Auch die vier Stadtmusikanten konnten »die Stadt Bremen in einem Tag nicht erreichen und kamen abends in einen Wald, in dem sie übernachten wollten.«
Lieber Wald, wir kennen dich alle, undurchdringlicher Dschungel menschlicher Ängste, Verwirrungen und Umwege. Kein deutsches Märchen, das ohne Übernachtung im Wald auskommt. Nur der Hahn, unser Suppenvogel, fliegt bis in die Spitze eines Baumes und sieht in der Ferne ein Licht. In der Hoffnung auf Licht und Herberge machen sich die vier unberufenen Musikanten auf den Weg und kommen zu einem Haus, in dem unter Festbeleuchtung tafelnde Räuber sitzen. So behauptet das Märchen. Aber wer sind diese Räuber wirklich? Welches Geld deckt ihre Tische? Darüber schweigt sich das Märchen aus. Denn was Reichtum und Futter betrifft, so neigt es seit jeher und ohne sich dafür zu rechtfertigen, zu einer kühnen Umverteilung von Gütern und Geld. Das Märchen - man sagt es nicht laut, aber hört es gern - ist nämlich alles andere als gerecht und kommt folglich Preis tragenden Künstlern sehr entgegen.
Die Umverteilung erfolgt rasch und geräuschvoll. Die berühmte Szene der vier Tiere als Sänger, ein zwar dilletantischer, aber durch und durch wirkungsvoller Auftritt, eine Art Varietenummer. Ein einmaliger Auftritt übrigens, im Märchen jedenfalls ihr erster und letzter, mehr gibt die Kunst der Vier nicht her: »Der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute, und der Hahn krähte.« Derart eine lärmende Pyramide bildend (Man kann sie bis heute nicht nur in Bremen bewundern!) brechen sie durch das Fenster ins Haus ein und schlagen die offenbar wenig kunstsinnigen, dafür aber zu Tode erschrockenen Räuber in die Flucht, um sich danach selber zu Tisch zu setzen und als neue Hausherren die Räuberhöhle in Besitz zu nehmen und nie wieder zu verlassen: »Denn von nun an getrauten sich die Räuber nicht weiter in das Haus, den vier Bremer Musikanten gefiel's aber so wohl darin, daß sie nicht wieder heraus wollten. Und der das erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.«
Damen und Herren. Johanna wäre das nicht passiert. Nicht auf Räuber und Gnadenbrot angewiesen. Schnelle Rede, helle Stimme, stürmischer Gang. Nicht höflich, sondern eckig und schnell. Und für Preisreden überhaupt nicht geschaffen. Ein analphabetisches Wochentagskind, das unberufen die Pauke schlägt. Aber wie leuchtet die Jungfrau hinter der Fahne! Unerreichbar und frei. Ein Kind unterm Helm der Vermessenheit, das Ziel unserer Wünsche, zwischen Gipfel und Abgrund, auf der Mitte der Leiter, von der wir nicht wissen, wohin sie uns führt.
Jeanne. Jehanne. Johanna d'Arc. Von mir aus auch Tarc oder Dart oder Day. Oder Jane oder Joan. Warum nicht schlicht und ergreifend die Jungfrau? Johannas Leben ist märchenhaft, grausam, fantastisch, feierlich, wunderbar, unerbittlich und einsam. Ein Rätsel, das auch Doktor Peitsche nicht löst. Ein kurzes, hitziges, stürmisches Leben, das nichts Besseres finden kann, als den Tod, über den auch die Kunst keine Brücke mehr schlägt. Wenn die Angst bei mir ist, habe ich keine Angst, die Angst nimmt mich bei der Hand und führt mich. Aber wer Johannas Leben beim Wort nimmt, weiß, dass es den angstfreien Raum der Literatur und der schönen freien Künste nicht gibt, sondern dass alles, was wir schreiben und tun, in die Waagschale der Geschichte und Kriege gelegt wird.
Eine Geschichte, die nicht erzählt werden kann und die immer wieder erzählt werden muss. Kurz aber ewig. Es war einmal. So oder so? Wer kann das schon wissen. Also fangen wir wieder von vorne an. Denn das ist ja die Kunst: Bescheiden, vermessen und widersprüchlich. Damen und Herren. Höchste Zeit für wahre Geschichten, solange in Bremen der Mund noch warm ist.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Das Redemanuskript zum Download (Format MS-Word, 33 KB) >>
Zurück zum Bericht von der Verleihung des Bremer Literaturpreises 2007>>