
Sehr geehrte Damen und Herren,
die zwei Fragen, die man mir seit dem Erscheinen meines Romans am häufigsten stellte, waren:
»Ist das autobiographisch?«
und
»Wie spricht man eigentlich Ihren Nachnamen aus?«
Während die zweite Frage nicht sehr überraschend kommt, muss ich zugeben, dass mich das besitzgierige Suchen nach den Parallelen zwischen meiner Biografie und der meines Protagonisten Aleksandar in dieser Vehemenz doch sehr beschäftigt. Ich ging vermutlich - als Literaturwissenschaftler umso mehr - zu blauäugig davon aus, es sei eine Selbstverständlichkeit, den Autor nicht mit seiner Figur gleichzusetzen. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass sich die Leser (und die Journalisten) die Sensation der biografischen Identität des Autors mit dem Erzählten so sehr wünschen, und daran sogar Qualitätsmaßstäbe ansetzen. So fand ich mich in der bemerkenswerten Situation wieder, permanent erklären zu müssen, Aleksandar habe Segelohren, während meine ganz klein seien. Bis dann irgendjemand meinte - »Aha, hier also haben sie eine extreme Körpereigenschaft umgekehrt, um über einen Umweg auf die Ähnlichkeiten zwischen Ihnen und Ihrem Protagonisten hinzuweisen.«
»Es ist meine Lebenserfahrung - aber nicht mein Leben« - ein kluger Satz, den ich von meinem geschätzten Kollegen Bernd Schroeder geschenkt bekam, und der all das erfasst, was mir wichtig ist am Verhältnis zwischen meiner biografischen Wirklichkeit und der fiktionalen Wirklichkeit des Romans. Mit dem Roman hatte ich niemals vor, meine Geschichte zu etwas Besonderem zu machen, sie als besonders darzustellen. Mein Anliegen war es von der ersten Idee an, über das Beispiel von diesem Krieg, dieser Flucht, dieser Scham, dieser Verantwortung, dieser Wut, dieser Ohnmacht, diesem Unverständnis, diesem Schmerz - eine relevante Geschichte zu erzählen mit globalen Aussagen, die weit über dem Persönlichen eines Saša Stanišić oder eines Aleksandar Krsmanović eine Gültigkeit haben.
Dieser Roman ist sicher auch aus dem Bedürfnis entstanden, meine eigene Vergangenheit einen Stück weit begreifen zu wollen, und verstehen zu wollen, wie und warum eine Welt derart zusammenbrechen konnte. Die emotionale Intensität, die damals mit der Vernichtung des Vertrauens in so viele wertvolle Gefühle einherging, habe ich versucht universell festzuhalten. Die Ereignisse, die ich in den Kriegswochen in Bosnien mitansehen musste, aber auch all das, was ich recherchiert habe, einschließlich der Gegenwart des heutigen Bosniens (auch ein Thema des Romans), lassen sich mit einem Buch nicht einfach erledigen. Das Erzählen und die Diskussion gehen weiter - müssen weiter gehen.
Um einen vielschichtigeren Blick auf die Zeit und den Raum dieser Inhalte blicken zu können, empfehle ich mit größtem Nachdruck die wunderbaren Romane von Kollegen, die in letzter Zeit ins Deutsche übersetzt wurden, und die sich dem Bürgerkrieg ebenfalls mit einigen Jahren Abstand nähern. »Das Ministerium der Schmerzen« von Dubravka Ugre¹iæ oder »Der nächtliche Rat« von D¾evad Karahasan sind zwei Titel, die nicht nur große Könnerschaft ihrer Autoren zeigen, sondern die ganze Komplexität unserer Konflikte beispielhaft darzustellen, aber auch aufzulösen vermögen. Dazu noch die »Brücke über die Drina« von Ivo Andriæ, als historisch-literarische Untermauerung - ich möchte meinen Roman in gewisser Hinsicht als die Fortsetzung von Andriæs Chronik mit anderen stilistischen Mitteln verstanden wissen.
Ich komme aus einem Kulturkreis, in dem das Geschichtenerzählen vor nicht allzu langer Zeit so etwas wie eine positive Charaktereigenschaft war. Man erzählte sich, ob alt oder jung, ständig Legenden, Anekdoten, Witze, der Montenegriner, der halt morgen pinkelt, wenn sein Reißverschluss heute nicht offen ist. Biografisch war da höchstens der selbstgemachte Börek, der den Zuhörern als Hauptspeise zu den würzigen Geschichten aufgetischt wurde. Ich sehe mein Buch als einen Entwicklungsroman, als eine Anklage gegen den Nationalismus, als eine Verlustbewältigungsstudie - aber im Mittelpunkt stehen die Kraft des Erzählens und das Ankämpfen gegen das Vergessen in der Suche nach der Wahrheit im Erzählten. Der erwachsene Aleksandar stellt am Ort seiner Geburt und seiner Kindheit fest, fremd sein zu müssen. Er kann den Riss in seiner Biografie nicht schließen, höchstens akzeptieren, dass es diesen Riss gibt und einen Abgrund, den alle Geschichten aus dieser Welt nicht mehr zu füllen vermögen.
Indem Sie, sehr geehrte Jury des Bremer Literaturpreises, in Ihrer Begründung zu meiner Auszeichnung weder auf meinen unaussprechlichen Nachnamen eingehen, noch biografische Bezüge zu erraten versuchen, und statt dessen sowohl Stilistisches hervorheben, als auch das Verschwinden einer ganzen Welt in Geschichten als literarisch gelungen empfinden - ehren Sie mich wirklich und nachhaltig. Dafür gilt Ihnen mein aufrichtiger Dank.
Das Redemanuskript zum Download (Format MS-Word, 33 KB) >>
Zurück zum Bericht von der Verleihung des Bremer Literaturpreises 2007>>