32. Literarische Woche Bremen: »Blinde Flecken«
Bremer Literaturpreis
 
 
 
Bericht von der Verleihung des Bremer Literaturpreises 2008
In der Oberen Halle des Alten Rathauses wurde am
28.1. der Bremer Literaturpreis 2008 an Hans Joachim Schädlich und der Förderpreis des Bremer Literaturpreises 2008 an Thomas Melle verliehen.

Abbildung: Blick in die Obere Rathaushalle (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)

Der Festakt begann um 12 Uhr: Bürgermeister Jens Böhrnsen, in seiner Funktion als Senator für Kultur, begrüßte die Preisträger, die Jury und das Publikum.
Der Bürgermeister betonte die Bedeutung des Bremer Literaturpreises für das kulturelle Leben der Stadt:
»Dank des Preises, den wir heute vergeben, ist Bremen im 20. Jahrhundert zu einer Literatur-Stadt geworden.« Der Bürgermeister gratulierte den Preisträgern und dankte der Jury, der Rudolf-Alexander-Schröder Stiftung, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadtbibliothek Bremen und der Öffentlichen Versicherung Bremen, die den Förderpreis finanziert hatte, für deren Einsatz für den Bremer Literaturpreis und die Literarische Woche.

Abbildung: Bürgermeister Jens Böhrnsen, Senator für Kultur (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
In ihrer Laudatio auf Hans Joachim Schädlich bezeichnete das Jurymitglied Sibylle Cramer Schädlichs Erzählungsband »Vorbei« als ein Doppelbildnis der künstlerischen Existenz zwischen gesellschaftlicher Ohnmacht und seiner Bedeutsamkeit als leitendes Wert- und Orientierungssystem von Gesellschaften. Sie nannte Schädlich einen Meister in der Kunst des Nichtausgesprochenen, des Ungesagten des Schweigens. Schaedlichs Erzählungsband richte ein Bild der gesellschaftlichen Bedeutung von Kunst auf, dessen Anspruch unumschränkter nicht sein könne: »Das Kunstwerk wird an seine Funktionen im Gesell- schaftsprozeß zurückgebunden, als Orientierungs- und Wertsystem und Weise der Welterschließung, die im selben Sinn wie die Wissenschaft eine Form des Erkennens ist, nur anders als jene in der bindenden Einheitsform des Symbolsystems. Bücher wie Vorbei führen vor, wie gescheit das Schöne sein kann und wie schön das nichtdenkende Denken, das Schädlich literaturfährig gemacht hat«

Lesen Sie den ganzen Text in der Dokumentation der Laudatio >>

Abbildung: Sibylle Cramer (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
Michael Sieber, Staatssekretär a.D. und Vorsitzender der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung, zeichnete Hans Joachim Schädlich mit dem Bremer Literaturpreis 2008 aus. Er erhält ihn für den im Rowohlt Verlag erschienenen Erzählungsband ›Vorbei‹ .
»In Schädlichs Sprache, deren gestochene Klarheit den Zusammenhang von künstlerischer Produktion und sozialer Abhängigkeit seziert, wird die Gefährdung der Künstlerexistenz, ihre Randständigkeit und ihr Überlebenskampf gegenwärtig. In gegenläufigen Erzählformen der Annäherung, der ermittelnden Rekonstruktion und der Vergegenwärtigung erweist sich die analytische Kraft seiner Sprache.«
(Aus der Begründung der Jury)

Abbildung: Michael Sieber zeichnet Hans Joachim Schädlich mit dem Bremer Literaturpreis 2008 aus. (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
In seiner Dankesrede setzte sich Hans Joachim Schädlich mit dem Warum des Schreibens auseinander: »Die Frage eines Lesers an einen Schriftsteller, warum er schreibe, meint mindestens zweierlei: was ihn im Innersten dazu gebracht und was er damit bezwecke.« Diese Frage könne seiner Ansicht nach von dem Schriftsteller nicht beantwortet werden: »Ein Schriftsteller kann – glaube ich – nicht wirklich sagen, warum er schreibt (selbst, wenn manche Schriftsteller glauben, sie wüßten es). Sogar glaube ich, daß ein Schriftsteller gar nicht ergründen wollen sollte, warum er schreibt. (Vielleicht geschieht es, daß er nicht mehr schreiben kann, wenn er einer Antwort nahekommt).« Möglich sei es allerdings, Schreibanlässe zu nennen. Für ihn wären dies: Fabeln, literarisch kunstvoll geformt; Märchen, die untergründigen Geschichten von Gut und Böse; moralische Labilität und Stabilität; und – als unwiderstehlicher Anreiz: Die deutsche Sprache, ihre Geschichte, ihre Gegenwart. Schädlich resümierte: »Eine Antwort auf die Frage, was ich mit dem Schreiben bezwecke, muß ich Lesern und Kritikern überlassen. Anstatt auf meine Absichtserklärungen zu hören, lesen sie es aus meinen Texten.«

Lesen Sie den ganzen Text in der Dokumentation der Dankesrede >>

Abbildung: Hans Joachim Schädlich (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
In seiner Rede auf den Förderpreisträger 2008, Thomas Melle, wies das Jurymitglied Richard Kämmerlings auf das Selbstbewußtsein hin, das jemand haben müsse, der sein erstes Buch »Raumforderung« nenne : »Dieser Titel ist schon ein starkes Stück. ›Raumforderung‹ – so ein Buch, dazu ein literarisches Debüt zu benennen, dazu gehört schon etwas. Dazu gehört Mut, Selbstbewusstsein, ein Wissen um die eigene Bedeutung, ja vielleicht sogar Frechheit oder Dreistigkeit. Dabei ist es ja selbstverständlich. Denn jedes Buch fordert Raum, und zwar nicht nur im übertragenen Sinne, sondern ganz konkret: Das Buch will Raum im Verlagskatalog, eine ganze Seite mindestens, am besten eine Doppelseite, oder gar vier. Dann will das Buch einen Anzeigenplatz, es will, dass ihm Raum eingeräumt wird in den Literaturteilen der Zeitungen, es will einen Rezensionsplatz, einen großen, mit einem großen Bild.«
Abschließend stellt Kämmerlings fest: »Ein bisschen Platz hat die Literaturszene für Thomas Melles Buch schon gemacht, für das nächste wird es sicherlich noch etwas mehr sein. Wir tun heute unseren Teil dazu, wir betreiben, Sie verzeihen mit das Wortspiel, Raumförderung. Thomas Melle erhält den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis, wozu ich herzlich gratuliere.«

Lesen Sie den ganzen Text in der Dokumentation der Laudatio >>


Abbildung: Richard Kaemmerlings (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
Anschließend überreichte Michael Sieber Thomas Melle die Urkunde des Förderpreisträgers des Bremer Literaturpreises 2008. Er erhält ihn für seinen im Suhrkamp Verlag erschienenen Erzählungsband ›Raumforderung‹.
»In seinem Debüt erkundet er mit großem sprachlichen Furor, der Gabe kühler Beobachtung und vitaler Lust am Experiment die gegenwärtigen Möglichkeiten der Kurzgeschichte. Er schreibt auf Augenhöhe mit den technischen Medien und reagiert mit erzählerischen Mitteln auf die Herausforderung der Literatur durch das Internet. Mit der Sprach- und Bewusstseinskrise macht er zentrale Themen der Moderne auf originelle Weise erneut fruchtbar.«
(Aus der Begründung der Jury)

Abbildung: Michael Sieber übergibt Thomas Melle den Förderpreis des Bremer Literaturpreises 2008. (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
In seiner Dankesrede zeigte sich Thomas Melle überrascht über die Auszeichnung, sei seine »Raumforderung« doch in einem »Zwischengebiet« angesiedelt : »Deshalb war ich überrascht, als ich von der Entscheidung der Jury erfuhr. Weder Einheitlichkeit noch Übersicht zeichnen meine Erzählungen aus. Für sich genommen sind sie Suchbewegungen, die vielleicht eine ähnliche Richtung, aber kaum eine einheitliche Form besitzen. Umso mehr freue ich mich über den Preis, der mir die Möglichkeit gibt, diesen Suchbewegungen nun für einige Zeit weiteren Raum zu geben und sie vielleicht zu einem größeren Fund zu führen. Ich danke der Jury und der Stiftung sehr für diesen Freiraum. Und ich danke meiner Lektorin, meiner Verlegerin und meinem Agenten, diese Raumforderung mitsamt aller ihrer Wucherungen überhaupt erst ermöglicht zu haben.«

Lesen Sie den ganzen Text in der Dokumentation der Dankesrede >>

Abbildung: Thomas Melle (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
Für den musikalischen Rahmen des Festakts sorgten
Gero Jahn (Cello) und Matthias Schinkopf (Saxophon), die Werke von Piazzolla, Beethoven und Mercer spielten.

Abbildung: Nicola Thein (Klavier) und Gerhard Stengert (Marimba) (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)