


Laudatio
Zur Verleihung des Bremer Literaturpreises an
Hans Joachim Schädlich
für seinen Erzählungsband »Vorbei«
im Bremer Rathaus am 28. Januar 2008
Von Sibylle Cramer
Zu den Pionieren der Kunst Hans Joachim Schädlichs gehört Äsop, der griechische Sklave und Fabeldichter, dessen kunstvoll verstellte Rede schön war und gefährlich. Schädlichs erstes Buch scheiterte an der Zensur und erschien im Westen. Die Ausweisung aus der DDR folgte auf dem Fuß.
Das Verhältnis von Geist und Macht im Sozialismus, das loyale DDR-Schriftsteller wie Volker Braun als Dialog darstellten, verkehrt sich bei Schädlich in Verhöre und Ermittlungen gegen den Versdichter. Den ästhetischen Synthesen der sozialistischen Literatur, den Fiktionen ganzheitlich substanzieller Welt- und Ich-Erfahrung begegnet er mit einer analytischen Passion, die nicht einmal der dichterischen Einbildungskraft bedarf, um in der Sprache der Werktätigen den Mangel nicht bloß an idealistischem Geist festzustellen. Den Heraklesgestalten des sozialistischen Aufbaus, den Zöglingen auf dem Weg zum voll entfalteten sozialistischen Individuum, den Knechten, die in mustergültiger Dialektik den Rollentausch mit ihren Herren erzwingen, setzt Hans Joachim Schädlich Zerrbilder des ganzen Menschen entgegen wie jenen Namenlosen, der in der Schule halbtot und von seinen solidarischen Arbeitskollegen ganz tot verprügelt wird. Schädlichs Darstellungen von Reduktionsformen menschlicher Subjektivität gipfeln in der Figur jenes Endspielers, der sich in einer Sterbeklinik Hals über Kopf verliebt: in die Fliege, die ihm auf der Nase herumtanzt, weil er nicht in der Lage ist, sie zu verscheuchen.
Die Konfliktgeschichte von Geist und Macht sorgt im Zentrum seines Werks für die unaufgelöste Spannung zwischen Prosawerken, Erzählungen und Romanen, die nichts als die Wirklichkeit zu kennen zu scheinen, und solchen, die das Wirkliche frei nach Musil als »Einzelfall seiner Möglichkeit« behandeln. Neben die Gestalt des ewigen Polizisten, der dem autoritären deutschen Staat als willfähriges Werkzeug dient und die Systeme überlebt, Kaiserreich, Drittes Reich, DDR -, neben Tallhover treten die Opportunisten der deutschen Geschichte, der kommunistische Aufbau-Schriftsteller Bruno Apitz, der SS-Funktionär Hans Ernst Schneider, der PDS-Politiker Gregor Gysi und tritt in dem Roman, der den Titel Trivialroman trägt, die SED-Führungsriege, die sich in ihrem Bunker das Leben wechselseitig zur Hölle machen, als das System kollabiert. Aber die engagierten Texte Schädlichs, die gesellschaftliche Wirklichkeit in fiktiver Form dokumentieren, haben ihr Gegengewicht in Erzählgespinsten wie Schott, die Generatoren eigener Wirklichkeit sind.
Schott ist der Held eines akrobatischen Bewußtseinsromans, der die Bedingungen sprachlicher Realitäts- und Ich-Vergegenwärtigung erforscht. Schott bricht zu Forschungsreisen auf, die dem Leben im eigenen Kopf gelten, der Realität des erzählenden Selbst und seiner Welt. Aber die Positivität seiner Aussagen über seine Abenteuer zu Wasser, zu Lande und in der Luft entwickeln sich aus der Suggestion von Aufstiegen in die Sphären und Tauchvorgängen in die ewigen Finsternisse der Tiefsee. Das sprechende Ich, Realität überhaupt ist durch die ständige Fiktionalisierung der verschiedenen Selbst- und Weltmanifestationen im Akt des Sprechens nicht einholbar; die Identität von Sein und Erscheinen nicht möglich. Zugleich ist der Mangel an Sein, mit dem das Bewußtsein geschlagen ist, der Grund zu ständig neuen Aufbrüchen. Zuletzt steht Schott vor dem Nichts, er mache weiter, »weil er nicht wisse, was er weiter machen solle«. So stellt Schädlich die Existenialphilosophie vom Kopf auf dein Beine. Plötzlich ist sein Platz unmittelbar neben Beckett.
Der Erzählungsband, für den Hans Joachim Schädlich heute den Bremer Literaturpreis entgegennimmt, ist ein Doppelbildnis der künstlerischen Existenz zwischen gesellschaftlicher Ohnmacht und seiner Bedeutsamkeit als leitendes Wert- und Orientierungssystem von Gesellschaften. Die drückende Lebenswirklichkeit des Künstlers in feudaler Zeit dokumentieren die zweite und dritte Geschichte. Ihr Protagonist ist einmal Johann Joachim Winckelmann, 1717 im märkischen Stendal geboren, der Erfinder der deutschen Kunstwissenschaft und Begründer der klassischen Kunstepoche. Schädlichs Erzählung heftet sich an die Daten seines römischen Alltags während seiner letzten drei Lebensjahre. Und siehe da, ohne einen einzigen Eingriff in die Faktenlage verwandelt sich der ruhmreiche Verfasser der Geschichte der Kunst des Alterthums und der Monumenti antichi inediti in einen Gebrauchsgegenstand kirchlicher Würdenträger und adliger Romreisender, die wie selbstverständlich seine Dienste als Führer in Anspruch nehmen. Als er ausbricht, um seine Heimat wiederzusehen und jenseits der Berge Ruhe zu finden, muß er um Reiseerlaubnis des päpstlichen Hofes bitten. In Wien kehrt er um und wird 1768 in Triest ermordet, willkürlich, zufällig, sinnlos, wegen ein paar Münzen, die ihm Maria Theresia geschenkt hat.
Die Lebensgeschichte des Musikers Antonio Rosetti spannt Schädlich zwischen ein Verhör, dem Rosetti unterzogen wird, als er auf Wanderschaft in Süddeutschland aufgriffen wird, und das letzte Lebensbild des leichten Herzens Sterbenden. Ein Leben im Kriechgang von der Kapelle des Fürsten zu Öttingen-Wallerstein an den Hof der Mecklenburg-Schweriner in Ludwigslust. Rosettis Geburtsdatum ist unbekannt, seine böhmische Herkunft ungewiß, sein Name wurde gelegentlich mit dem eines Schuhmachers verwechselt, heute ist er vergessen, sein schier unübersehbares sinfonisches, kammermusikalisches und geistliches Werk und das Requiem, das bei der Prager Trauerfeier für Mozart aufgeführt wurde, verschimmelt in den Archiven.
Endspiele führt Schädlich vor, die den Vorhang vor dem letzten Akt des Lebens aufziehen. Den erzählerischen Kontrapunkt zur Darstellung des menschlichen Lebens als Todesart setzt er an den Anfang des Buchs. Die Erzählung ist ein längerer Gedankengang über den archimedischen Punkt außerhalb seiner selbst, dessen das menschliche Leben bedarf, um in einer Wiederholungsbewegung das Ewige in die Zeit zu holen und dem Endlichen eine unendliche Qualität zu verschaffen. Der archimedische Punkt hat bei Schädlich einen Namen, »Tusitala«, und eine Adresse im Stillen Ozean. »Tusitala« heißt polynesisch »Geschichtenerzähler« oder »Häuptling Weiße Unterrichtung« und war der Name der Eingeborenen für den schottischen Schriftsteller Robert Louis Stevenson, der die letzten vier Jahre seines Lebens auf Samoa verbrachte. Stevenson ist im Zentrum der Erzählung das Gravitationszentrum, das vom andern Ende der Welt her seine Anziehungskraft auf die Menschen ausübt, die er in England zurückließ.
Die Aussicht, ihn wiederzusehen, holt seine 72 Jahre alte schottische Kinderfrau hinter dem Ofen hervor und mobilisiert seine beiden Jugendfreunde, angesehene Kunstgeschichtsprofessoren und Rechtsanwälte, die ihre bürgerliche Existenz stehen und liegen lassen und, mit reichlich Whiskyvorräten equipiert, dem Ruf Dr. Clarks folgen. Der Londoner Arzt, dem sich sein Freund Hammerton anschließt, hat Stevenson ein einziges Mal in seinem Leben gesehen und zählt ihn seither zu seinen Freunden. Ohne einen Pinselstrich des erzählenden Porträtisten entsteht ein sprechendes Bild von der Integrations- und Verständigungskraft der Kunst und vom persönlichen Zauber Stevensons. »Straße des liebenden Herzens« heißt der Weg, den samoanische Häuptlinge ihm zu Ehren an seinem 44. Geburtstag, zwei Wochen vor seinem Tod, benannten.
In Amsterdam gehen sie an Bord. Das Schiff, die »Arend«, ist mitten im Zeitalter der Dampfschiffahrt ein Segler ohne Funkstation. Der niederländische Kapitän kennt den Nordseekanal nicht, darum der Umweg über die Zuidersee. Gegen Skorbut läßt er eine vorsintflutliche Hahnenfuß-Pflanzung an Bord schaffen. Der Mann für den Ernstfall von Kampf und Sturm, ein Nürnberger Lebkuchenbäcker namens Carl Friedrich Behrens, ist rund und nett, 193 Jahre alt, mit Dreispitz, Schoßrock, Kniehosen und Schnallenschuhen angetan und war, ebenso wie Schiff und Kapitän, 1722 schon dabei, als Admiral Roggeveen die Samoa-Inseln entdeckte.
Behrens ist der Verfasser eines Berichts über die Entdeckungsreise, der 1735 in Leipzig erschien. In der Erzählung spielt er die Rolle des Chronisten weiter und verwandelt die Reisezeit in Erzählzeit. Ich nehme an, er zitiert sich selbst. Seine Erinnerungen verknüpfen die Gegenwart des Jahres 1894 mit der Vergangenheit der Entdeckungsreisenden, die dem Zivilisationsflüchtling Stevenson den Weg bahnten. Das Geflecht erinnerter Vergangenheiten und erlebter und niedergeschriebener Gegenwart verdichtet sich unmerklich zum Zeitknoten, wenn die Erinnerungen der alten Schottin und der beiden Jugendfreunde an Stevensons Kindheit und Jugend hinzutreten, die Reisebriefe Hammertons an seine Londoner Zeitungsredaktion zukunftwärts gerichtet sind und bei ruhiger See die musikalischen Unterhaltungen des Arztes, der seine Lebensgefährtin, ein Cembalo, mitführt, die Barockzeit heraufbeschwören.
Einmal unterwegs, sorgen die Gedächtnisreisenden dafür, daß in der wiederholenden Bewegung lebendigen Erinnerns die Grenze zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem eingerissen wird, die Ewigkeit in die Zeit einwandert und eine phantastische Bühne entsteht. Eine Insel der Präsenz im Fluß der Zeit, die auf umfassende Weise wirklich und unendlich ist. Das Erwachen in eine Welt reiner Gegenwart, vollzieht sich in Behrens` Erzählung, die unauffällig die Zeitordnung durchbricht, als die brasilianische Küste auftaucht und die »Arend« vor Anker geht. Recht besehen sind die fünf Lebensschiffer Heimkehrende, als sie in Api, der Hauptstadt West-Samoas, landen, obwohl Stevenson kurz vor ihrer Ankunft gestorben ist.
Ein auf trügerische Weise einfaches Erzählkunstwerk, das seine Tiefe an der Oberfläche verbirgt, und auf wunderbar verschwiegene Weise mit der alttestamentarischen Geschichte von der potenzierenden Selbstwiederholung Hiobs korrespondiert. Schädlich ist ein Meister in der Kunst des Nichtausgesprochenen, des Ungesagten, des Schweigens.
Das Buch richtet ein Bild der gesellschaftlichen Bedeutung von Kunst auf, dessen Anspruch unumschränkter nicht sein könnte - bei sorgfältiger Vermeidung kunstreligiöser Zungenschläge. Das Kunstwerk wird an seine Funktionen im Gesellschaftsprozeß zurückgebunden, als Orientierungs- und Wertsystem und Weise der Welterschließung, die im selben Sinn wie die Wissenschaft eine Form des Erkennens ist, nur anders als jene in der bindenden Einheitsform des Symbolsystems. Bücher wie Vorbei führen vor, wie gescheit das Schöne sein kann und wie schön das nichtdenkende Denken, das Schädlich literaturfährig gemacht hat. Und dabei wäre er doch eigentlich viel lieber Bluessänger geworden.