


Laudatio
Zur Verleihung des Förderpreises zum Bremer Literaturpreis an
Thomas Melle
für seinen Erzählungsband »Raumforderung«
im Bremer Rathaus am 28. Januar 2008
Von Richard Kämmerlings
Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
meine Damen und Herren, lieber Thomas Melle,
dieser Titel ist schon ein starkes Stück. »Raumforderung« - so ein Buch, dazu ein literarisches Debüt zu benennen, dazu gehört schon etwas. Dazu gehört Mut, Selbstbewusstsein, ein Wissen um die eigene Bedeutung, ja vielleicht sogar Frechheit oder Dreistigkeit. Dabei ist es ja selbstverständlich.
Denn jedes Buch fordert Raum, und zwar nicht nur im übertragenen Sinne, sondern ganz konkret: Das Buch will Raum im Verlagskatalog, eine ganze Seite mindestens, am besten eine Doppelseite, oder gar vier. Dann will das Buch einen Anzeigenplatz, es will, dass ihm Raum eingeräumt wird in den Literaturteilen der Zeitungen, es will einen Rezensionsplatz, einen großen, mit einem großen Bild.
Schließlich will es Platz im Regal, in der Buchhandlung, nicht so gern in Modernen Antiquariaten, lieber in öffentlichen Bibliotheken und natürlich im Wohnzimmer. Als Fernziel schließlich will es einen Platz in der Literaturgeschichte. Auch das ist keine Metapher. Es will in zukünftigen Literaturgeschichte mehrere Zeilen haben, vielleicht dereinst einen Artikel in Kindlers Literaturlexikon. Oder vielleicht inzwischen lieber einen langen Wikipedia-Artikel. Und an jedem Ort verdrängt es ein anderes Buch, notgedrungen. Auch die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist eine Mangelwirtschaft.
Kurz: Ein Buch »Raumforderung« zu betiteln, ist etwa so, als wenn man es »Wir wollen auch einen Platz an der Sonne« nennt. Oder gleich »Alle mal herhören«. Oder »Schlag mich auf«. »Raumforderung« klingt allerdings besser. Und es hat den Vorteil, mehrdeutig zu sein.
In der Titelgeschichte begleiten wir das Pärchen Max O. und Jana M. bei mehreren Wohnungsbesichtigungsterminen, in zunehmender Verzweiflung und Gereiztheit. Ihre ganz handfeste Raumforderung trifft auf Widerstand. Entweder gibt es an den inspizierten Wohnungen etwas auszusetzen, oder die Konkurrenz zu groß, oder die Makler spielen sich wie Halbgötter auf.
Die letzte Wohnung des Tages schließlich ist die Traumwohnung. Doch hier kehren sich die Verhältnisse vollends um. »Es war nicht mehr sicher, wer hier Angebot darstellte, wer Nachfrage«, heißt es da, als würden nicht die Mieter eine Wohnung wollen, sondern die Wohnung einen ihren Ansprüchen genügenden Mieter. Als sei es der Raum, der etwas fordert, und nicht die Bewohner.
Unsere beiden Wohnungssuchenden werden nervös, sie geraten in einen Streit, man wird vor den anderen Interessenten laut. Und plötzlich, ohne Vorwarnung schlägt Jana M. den Absatz ihres Stöckelschuhs ins rechte Auge ihres Freundes. Das bietet keinen Widerstand: »Der Absatz ging wie ein Stilett durch Pupille und Sehnerv, der sofort auseinanderschnappte«. Ein regelrechter Schockeffekt in einer zuvor harmlosen Alltagsgeschichte, eine unerhörte Begebenheit wie in alten Novellen. Max O., von Beruf übrigens Augenoptiker, bricht unter furchtbaren Schmerzen zusammen. Sein Auge verliert er, seine Freundin auch. Von der Wohnung ist nicht mehr die Rede.
Aber die Geschichte nimmt noch eine weitere, überraschende Wendung. Schon zuvor, als die beiden das Altbauheiligtum betraten, und zum Schutz des Parketts vom Maklerteam Filzpantoffeln gereicht wurden, fällt ein irritierender Satz. Als Max O. Jana M. einen Blick zuwirft und diese ihre mörderisch spitzen Stöckelschuhe auszieht, heißt es: »Und es kann sein, dass dieser Moment sein Leben rettete«. Warum? Bei der erfolglosen Augenoperation wird kleiner, aber bösartiger Hirntumor bei Max entdeckt, er kann noch rechtzeitig beseitigt werden.
Raumforderung, viele von Ihnen werden es wissen, ist ein Fachterminus. In der medizinischen Diagnostik bezeichnet man so ein Gebilde, dass sich an die Stelle von gesundem Gewebe drängt, das Platz beansprucht, wo es eigentlich nichts zu suchen hat. Also Schwellungen, Wucherungen oder Tumore.
In mehreren der hier versammelten zwölf Geschichten tauchen wuchernde, krebsartige Geschwüre auf, allerdings selten im Wortsinne. Krankheit als Metapher hat die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Susan Sontag einen berühmten Essay überschrieben. Biologisch ist Krebs eine außer Kontrolle geratene Zellteilung. Und auch bei Thomas Melle dient der Krebs als Metapher für unkontrolliert sich entwickelnde Strukturen. Ich zitiere: »Ich selber weiß nicht genau, wo meine Vorliebe für karzinogene Wortfelder herrührt. Kaum schreibe ich, schon wuchert es. Es muss mit der Art meines Denkens zu tun haben, mit meinem Blick. Ein frühkindliches Trauma jedenfalls ist so gut wie ausgeschlossen. Auch gab es nur einen Krebsfall in meiner Familie: meinen Großvater. Das allein ergibt noch keine Obsession. Nein, der wuchernde Stil ist mir einfach ein plausibles Instrument, die Welt zu beschreiben.«
Schreiben also als ungesteuertes Wuchern, als Metastase von Wörtern, Sätzen und Leitmotiven? Man würde Thomas Melle auf den Leim gehen, wenn man solche Passagen wie die oben zitierten für bare Münze nehmen würde, als Selbstauskunft also über eine avantgardistische Poetik des ungesteuerten, selbstorganisierten, chaotischen Wucherns und Wachsens. Das Zitat stammt aus der Erzählung »Wuchernde Netze«, die man nicht als Kommentar zum eigenen Schreiben, sondern eher als Parodie eines bestimmten Typus von Internet-Literatur verstehen soll. Der Schriftsteller und Büchnerpreisträger Thomas Melle blickt darin aus einer fernen Zukunft zurück auf sein Werk und seine Kritiker. Liest man das als Selbstbild, wäre das schlicht größenwahnsinnig, als ironische Imitation eines bestimmten Autorenhabitus ist es hochkomisch. Schon der Titel »Wuchernde Netze« kreuzt zwei gängige Metaphernfelder für das Internet - die Unkrautmetapher und die Netzmetapher - so brachial, das es nicht ernst gemeint sein kann.
Gestatten sie mir ein längeres Zitat: »Läuft etwas schief, und es läuft viel schief in Natur und Kultur, sehe ich das nie direkt kausal. Es sind Vernetzungen, Verästelungen, die ich für die kleinen und großen Katastrophen des Lebens verantwortlich mache und in epischer Breite beschreibe. Aus Misstrauen gegen Küchenpsychologismen scheue ich monokausale Schemata, die in der unendlichen Kette von Ursachen und Wirkungen einzelne Fehler zu lokalisieren meinen. Nein, ich sehe es flächiger, und jeglicher Effekt ist mir Emergenz. So bleibt mir statt konsekutiver Analysen nur die Beschreibung von Brandherden, Glutkernen und Virenhorten, das Gesamte im Blick, die Metapher im Gepäck.«
Das Gesamte im Blick, die Metapher im Gepäck. »Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt«, heißt es im Türmerlied Goethes. Das ist Großdichtersprech. Büchnerpreisträger-Lebensrückblicksrhetorik. Statt epischer Breite und dem Blick aufs große Ganze durch die Metaphernbrille bestechen Melles Erzählungen durch erzählerische Ökonomie.
Nehmen wir die Erzählung, in der es am giftigsten wuchert. Jonnas Baby heißt die, mit einem leichten und sicher bewussten Anklang an »Rosemary's Baby«, den satanistischen Polanski-Film, der Mia Farrow berühmt machte. Sie beginnt mit dem Anheben eines Deckels: »Im Topf sah es sehr nach verkannter Pop-Art aus oder nach den Relikten eines uralten Kindergeburtstags. Auf Verdacht hatte ich den roten Deckel angehoben. Ein Miniaturgebirge aus Schimmel strahlte mich an, flaumbewachsen, farbenfroh und plüschig, unerhört.« Und während der Erzähler sich noch viel ausführlicher über diese selbst gezüchteten Kulturen ergeht, klingelt das Telefon, und seine Grundschulfreundin Jonna berichtet ihm von ihrer Schwangerschaft. Im Takt mit dem Kind im Bauch wächst und gedeiht die Installation am heimischen Herd. Was nicht wuchert, sondern sorgfältig komponiert und konstruiert wird, ist die Geschichte selbst, die zu einer klassischen Short story über eine Freundschaft wird. Wie ja auch ein Embryo so ziemlich genau das Gegenteil eines Krebsgeschwürs ist, Zellteilung nach dem Masterplan eben. Präzisionsarbeit der Gene.
Und nicht immer werden Krankheiten vererbt. »Ediths Wohnung hat Krebs«, so beginnt die erste Geschichte »Santo Lucci«, und das ist eher eine bunte und fröhliche Angelegenheit: »Die Metastasen treiben Plastikblumen, Goldherzen, Blumenkränze in die Ecken und Augenwinkel. Bunte Karzinome wuchern von allen Seiten in Richtung Fernseher. Wohin man auch sieht, es funkelt, blinkt, sendet.« Auch Kitsch kann zur Raumforderung werden und alles andere zur Seite drängen. Doch das ist nicht die einzige Krankheit, die Inneneinrichtungen befallen kann. Die Wohnung von Ediths Mutter Margot leidet an Tuberkulose, und die Symptome sehen so aus: »Die Sessel im Wohnzimmer sind aus Staubblöcken geschnitzt, und es herrscht immer dasselbe Licht, stehend, ohne erkennbare Quelle, abgedimmt und trocken. Der Flur ist sauber, ein sauberes Kabuff der Atemnot. Überall riecht es nach Staubsauger«. Man kennt das Krankheitsbild.
Melles großes Erzähltalent zeigt sich nicht allein in solchen ungewöhnlichen und doch sofort einleuchtenden Beschreibungen, sondern vor allem, wie er mit wenigen Sätzen den Gegensatz entfaltet, der das harmonische Familientreffen platzen lässt: Die Tochter, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube macht, und die Mutter, die alle Konflikte mit Schweigen übergehen würde, und auch alle Worte, die fallen, mit einem Staubsauger, mit einem gezischten »Tschicho«, »Still jetzt!« am liebsten wieder einsammeln würde.
Der Realismus von Melles Erzählungen kann auch vor den neuen Medien bestehen. Melle, der sich früh mit dem Internet als Medium für Literatur beschäftigt hat, ist weit davon entfernt, die Wirklichkeit in der Virtualität aufzulösen. So unumstößlich real ist die Realität nicht, dass man erst ein Second Life bräuchte, um aus dem Alltag zu fliehen. Wie schnell andererseits die Identitäten in Frage gestellt sind, zeigt Melle in einer Geschichte wie »Interferenz«. Dort zerbricht eine Beziehung nicht an einer zeitweiligen räumlichen Trennung, sondern an den Versuchen, sie zu ignorieren, den Abstand im Chatroom künstlich zu überbrücken. Zwischen Decknamen und Wunschidentitäten geht der Hauptfigur Susanne auch die Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit, Denken und Handeln verloren. Ist virtueller Sex mit anonymen Partnern auch schon ein Seitensprung? Wie man im traditionellen katholischen Schuldbekenntnis, im Mea Culpa, Sünden in Gedanken, Worten und Werken gesteht, gibt Susanne einen Betrug zu, der nur zwischen Servern stattgefunden hat.
In einer anderen Geschichte entdeckt Marc, ein pubertierender Schüler, Pornofilme, die seine Mutter und sein Stiefvater heimlich aufgenommen haben, und stellt sie ins Internet. Doch wird hier keine Skandalgeschichte erzählt, etwa über die immer perverser werdende Youtube-Öffentlichkeit, sondern eine sehr ernste, stille und eigentlich zeitlose Adoleszenz-Geschichte, die tatsächlich um den an Alkoholismus verstorbenen wirklichen Vater kreist. Die grelle Oberflächenhandlung um Sex, Lügen und Videos verdeckt die Familientragödie. Schließlich glaubt der Junge in den verschwommenen Körpern auf dem Bildschirm sein angehimmeltes Mädchen zu erkennen; was wie Schuld erscheint, ist verzeihliche Teenager-Verwirrung. Am Ende bestimmt unser Bewusstsein doch die Wahrnehmung und nicht umgekehrt, wir sind, das ist auch eine tröstliche Botschaft, nicht einfach Objekt neuer Technologien und Medien.
Wenn das Internet heute als »Web 2.0« gilt, so könnte man Thomas Melles Debüt analog als »Erzählen 2.0« bezeichnen, kein Bruch, kein Neuanfang, eine Weiterentwicklung der überlieferten Techniken unter veränderten Vorzeichen. Die besten Geschichten dieses Bandes sind klassische short stories, zwar auf der Höhe der Zeit, aber keine Produkte eines Zeitgeistes, ganz modern, aber keineswegs modisch. Versähe mit einem Warn-Aufkleber für schmutzige Wörter, wären sie glatt lesebuchreif.
Melle erzählt von einer Sehnsucht nach Echtheit, nach authentischen Beziehungen, nach reinen Seelen und wahren Gefühlen. Melle ist ein im Grunde bemerkenswert altmodischer Erzähler, ja ein Moralist, und zu deren Beruf gehört es, den über der Wahrheit liegenden Dreck und Schmutz und Staub besonders klar zu erkennen, den giftigen Schimmel sozusagen in allen Farben auszumalen. Vom Wahren, Guten und Schönen lässt sich nur ex negativo erzählen, sonst bricht der Kitschkrebs aus.
Ein bisschen Platz hat die Literaturszene für Thomas Melles Buch schon gemacht, für das nächste wird es sicherlich noch etwas mehr sein. Wir tun heute unseren Teil dazu, wir betreiben, Sie verzeihen mit das Wortspiel, Raumförderung. Thomas Melle erhält den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis, wozu ich herzlich gratuliere.