


Dankesrede Thomas Melle
Sehr geehrte Damen und Herren,
vor Ihnen steht ein Autor, der nicht viel Ahnung von Dankesreden hat. Das hat einen so einfachen wie hinfälligen Grund: Bisher habe ich noch nie eine Dankesrede gehalten. Ich freue mich, dass diese Zeit in wenigen Minuten der Vergangenheit angehören wird - vielen Dank schon einmal dafür!
Doch so unbedarft ich auch in praktischer Hinsicht bin, wahr ist natürlich, dass mir das Genre theoretisch nicht unvertraut ist. Man stolpert im Feuilleton in schöner Regelmäßigkeit über Preisreden diverser lebender Schriftsteller zu diversen, in schöner Regelmäßigkeit vergebenen Preisen; während meines Studiums habe ich so manche Dankesrede toter Schriftstellerinnen und Schriftstellern gelesen - ahne also, dass es nicht reicht, der Jury, der Stiftung und den Wegbereitern meines Erzählungsbandes einfach den ernstgemeinten Dank auszusprechen, der ihnen gebührt, um die Bühne dann so rasch, wie sie betreten wurde, wieder zu räumen. Das würde als nicht ernstgemeint, vielleicht sogar als Affront verstanden werden. Nein, der Dank muss Umwege gehen, um gültig und gewichtig zu sein, und es soll bekanntermaßen so etwas wie ein poetologischer Mehrwert herausspringen, eine Selbstauskunft in Sachen Schreiben, eine Nachricht aus dem einsamen und womöglich zerrissenen Leben und Arbeiten des Schreibers, ob poetisch verschroben und verschlüsselt oder unterhaltsam und ironisch kokett.
Sie merken, dass ich mich damit schwer tue. Das liegt auch daran, dass ich die Reflexion auf meine Texte immer schon in die Texte miteinfließen lasse. Die camouflierte Selbstauskunft, die verdeckte mise en abyme sind integrale Bestandteile der Erzählungen. Ist damit nicht schon alles gesagt? In meiner Erzählung >Wuchernde Netze< persifliere ich sogar einen stilistisch überdrehten Schriftsteller, der seit Jahrzehnten im Literaturbetrieb zuhause ist, zig Preise erhalten und also auch schon zig Dankesreden gehalten hat, mithin aus dem entsprechenden Sprachduktus gar nicht mehr herauszufinden scheint. Die Metaebene ist ihm zur Bühne seines Lebens geworden. Seltsamerweise wurde diese Geschichte oft als die Zentralachse des Buches angesehen. Dabei ist sie doch nur eine Rückansicht der bisweilen selbst arg überdrehten Stilistik des Buches, meine Abrechung mit meiner eigenen Postmoderne, wenn man so will, und eine karikierte Vorwegnahme solcher Anlässe wie dem heutigen.
Das Zentrum des Bandes, wenn man ein solches denn ausmachen möchte, liegt anderswo. Es hat mit Beschädigung und Beschädigtsein zu tun, mit dem Abhandenkommen von Welt, mit einem Überhandnehmen von Zeichen, mit Fehldeutungen derselben und mit wirkmächtigen Misskommunikationen. Begriffe werden zu hypertrophen Krankmachern, Gedanken laufen im Leeren heiß, Netzwerke verselbstständigen sich ins Bedrohlich-Unendliche; und die Figuren reden sich - wie in der Scharnier-Erzählung >Dinosaurier in Ägypten< - bisweilen um Kopf und Kragen im Versuch, der Welt doch noch habhaft zu werden, die Mitmenschen doch noch zu erreichen. Manchen geht die Sprache dabei verloren, anderen der Verstand. In diesen Momenten setzt das Erzählen ein und übernimmt, obwohl selber ratlos, die Führung. Es probiert sich dabei aus, geht vom Konkreten zum Abstrakten, von der klassischen Kurzgeschichte zur reinen Textfläche, möchte sich der Abweichung von verschiedenen Seiten nähern.
Die Abweichung, die Krankheit, das Anormale: Warum interessieren Sie sich eigentlich so stark dafür?, wurde ich nach Erscheinen des Bandes häufig gefragt.
Schon der Titel des Ganzen, >Raumforderung<, ist ja zunächst einmal, vor seiner metaphorischen Dimension, ein medizinischer Begriff für eine Wucherung des Zellgewebes, für einen Tumor. Das Konkrete und das Abstrakte, Morbidität und Selbstbehauptung verschränken sich in diesem Wort. Und tatsächlich stehen Krankheiten, Zusammenbrüche und Abnormalitäten im Mittelpunkt fast jeder der Geschichten.
Statt einer persönlicheren Antwort, die ich Ihnen und mir erspare, möchte ich feststellen, dass in der Abweichung, oder in dem, was als solche empfunden wird, das Wesen des Gesamten und angeblich Gesunden besonders gut abzulesen ist. Krankheitsbilder wandeln sich nämlich im Laufe der Zeit. Jede Generation hat ihren eigenen Symptompool, aus dem sie Krankheitsbilder und Erklärungsmuster schöpft. Dieser Symptompool wird fortlaufend neu genährt und gefiltert: Alte Symptome werden entsorgt und frische hinzugefügt. So definiert sich neben der Krankheit auch die Gesundheit ständig neu. Und es gibt ein Zwischengebiet, eine Grauzone, in der noch nicht klar ist, ob etwas schon handfestes Symptom oder noch akzeptable Abweichung ist.
In genau diesem Zwischengebiet meine ich, >Raumforderung< angesiedelt zu haben, in den Blasenwirbeln und Schaumkronen dieses Symptompools. Manchmal blickt das Erzählen von oben auf das Treiben und hält analytischen Abstand. Manchmal aber springt es geradewegs ins Brodeln hinein und gerät in Strudel, Wirbel und aufgewühltes Gebiet, macht hysterische Pirouetten, gerne auch eine zuviel, und verliert die Kontrolle über sich selbst. Manchmal verharrt es im Vortex, dem stillen Punkt in der Mitte des Wirbels, um wieder zu sich zu kommen. Seiner selbst sicher aber ist es nie. Der Autor übrigens auch nicht.
Deshalb war ich überrascht, als ich von der Entscheidung der Jury erfuhr. Weder Einheitlichkeit noch Übersicht zeichnen meine Erzählungen aus. Für sich genommen sind sie Suchbewegungen, die vielleicht eine ähnliche Richtung, aber kaum eine einheitliche Form besitzen. Umso mehr freue ich mich über den Preis, der mir die Möglichkeit gibt, diesen Suchbewegungen nun für einige Zeit weiteren Raum zu geben und sie vielleicht zu einem größeren Fund zu führen.
Ich danke der Jury und der Stiftung sehr für diesen Freiraum. Und ich danke meiner Lektorin, meiner Verlegerin und meinem Agenten, diese Raumforderung mitsamt aller ihrer Wucherungen überhaupt erst ermöglicht zu haben.
Herzlichen Dank!