32. Literarische Woche Bremen: »Blinde Flecken«
Bremer Literaturpreis
 
 
 
Abbildung: Hans Joachim Schädlich (Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien)
Dokumentation

Dankesrede Hans Joachim Schädlich

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Böhrnsen,
sehr geehrte Frau Staatsrätin Emigholz,
sehr geehrte Damen und Herren der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung,
sehr geehrter Vorsitzender der Stiftung, Herr Staatssekretär Sieber,
sehr geehrte Damen und Herren der Jury,
verehrte, liebe Frau Cramer,
lieber Herr Melle,
meine Damen und Herren!

Es bereitet mir große Freude, daß mein Buch >Vorbei< durch den Bremer Literaturpreis auf höchst ernste, zugleich höchst angenehme Weise ausgezeichnet ist.

Für diese Freude danke ich von Herzen
der Rudolf-Alexander-Schröder Stiftung,
den Damen und Herren der Jury,
der Stadt und dem Land Bremen.
Namentlich danke ich Ihnen, liebe Frau Cramer, für das Lob meiner Arbeit.

Die Frage eines Lesers an einen Schriftsteller, warum er schreibe, meint mindestens zweierlei: was ihn im Innersten dazu gebracht und was er damit bezwecke.
Auf die Antwort, das Vergnügen am Erzählen habe ihn dazu gebracht, kann ein Leser schlagfertig nachfragen, warum das Erzählen Vergnügen bereite.
Der Verweis auf Komponisten, Maler, die Vergnügen am Komponieren, Malen empfänden, wird als Ausrede abgetan.
Mit dem Vergnügen am Erzählen, Komponieren, Malen kann man dem Frager nicht kommen.
Auch der Hinweis, daß mit dem Schreiben etwas zu erkennen und erkennbar zu machen sei, genügt dem Fragenden nicht.
Ein Schriftsteller kann - glaube ich - nicht wirklich sagen, warum er schreibt (selbst, wenn manche Schriftsteller glauben, sie wüßten es).
Sogar glaube ich, daß ein Schriftsteller gar nicht ergründen wollen sollte, warum er schreibt. (Vielleicht geschieht es, daß er nicht mehr schreiben kann, wenn er einer Antwort nahekommt).
Die Abgründe des Geistigen bleiben Geheimnis.
Eine russische Redensart lautet: >Die fremde Seele ist Finsternis< [1]. Der Schriftsteller ist auch sich selbst nur eine fremde Seele.
Letzten Endes wird nicht gesagt, was einen Schriftsteller im Innersten zum Schreiben gebracht; es werden nur Schreib-Anlässe genannt.
Manche meiner Anlässe können immerhin genannt werden.
Literarisch kunstvoll geformt - Fabeln. Die Fabel "Der Wolf und das Lamm" im Ersten Buch der Fabulae Aesopiae des Phädrus, in der Übersetzung von Eduard Saenger: [2]

Zum selben Bache kamen Wolf und Lamm
Verdurstet. Höher stand der Wolf am Quell,
weit unter ihm das Lamm. Voll böser Gier
fand gleich der Räuber einen Grund zum Streit:
"Was trübst du mir das Wasser, das ich trinke?"
sprach er. Mit Zittern warf das Wolltier ein:
"Ich bitt dich, lieber Wolf, wie ist das möglich?
Von dir fließt ja die Quelle mir zum Trunk."
Der Wolf, geschlagen durch die Kraft der Wahrheit,
schrie: "Vor sechs Monden hast du mich beschimpft!"
Das Lamm: "Da war ich ja noch nicht geboren." -
"Bei Gott, so hat dein Vater mich beschimpft."
Er greift´s, zerreißt´s, und schuldlos stirbt das Lamm.

Höhnische Gewalt, die Herz und Verstand empört.
Zu allen Zeiten findet sie sich. Die jüdischen Opfer der Deportationen in die Nazi-Vernichtungslager mußten Fahrgeld an die Deutsche Reichsbahn bezahlen; die SS trieb es bei den Jüdischen Gemeinden ein. "Bis vor einigen Jahren wurden [in China] den Hinterbliebenen von Hinrichtungsopfern die Kosten für die Gewehrkugel in Rechnung gestellt" [3].
Der Übergang von krimineller zu politischer Gewalt fließend. Der junge Stalin, ein Erpresser, Bankräuber und Mörder, steigt auf vom Gangster zum totalitären Herrscher über ein Sechstel der Erde [4]. Der Bolschewismus, der russische Typus des Totalitarismus, ging u.a. direkt aus dem Gangstertum hervor. Und: Die Lebensform totalitärer Herrschaft ist das Gangstertum [5].
Autorität als Ansehen, das auf Leistung oder Tradition beruht - nun gut. Allerdings ist Vorsicht geboten: Leicht wandelt sich Autorität zum Autoritären, das Gehorsam und Gefolgschaft fordert.
Der etymologische und semantische Zusammenhang von Autor und Autorität ist sprachhistorisch gegeben, gewinnt aber nicht selten besondere Gestalt in der Person autoritärer Autoren, die vorschreiben, was zu denken sei.
Anlässe. Märchen, die untergründigen Geschichten von Gut und Böse. Das Märchen "Herr Korbes", von Jeanette Hassenpflug erzählt, aufgezeichnet von den Brüdern Grimm, veröffentlicht im ersten Band der Kinder- und Hausmärchen, in erster Auflage 1812.
Die sprachliche Schönheit: "Es war einmal ein Hühnchen und ein Hähnchen, die wollten zusammen eine Reise machen. Da baute das Hähnchen einen schönen Wagen, der vier rote Räder hatte, und spannte vier Mäuschen davor ..." - Die Doppelbödigkeit: "Nicht lange, so begegnete ihnen eine Katze, die sprach ´wo wollt ihr hin?´ Hähnchen antwortete ´als hinaus nach dem Herrn Korbes seinem Haus´. ´Nehmt mich mit´, sprach die Katze." - Die Katze weiß auch, wer Herr Korbes ist; der Zuhörer oder Leser weiß es nicht. - Die märchenhafte Freiheit der Fiktion: "Danach kam ein Mühlstein, dann ein Ei, dann eine Ente, dann eine Stecknadel, und zuletzt eine Nähnadel, die setzten sich auch alle auf den Wagen und fuhren mit. Wie sie aber zu des Herrn Korbes Haus kamen, so war der Herr Korbes nicht da." - Die Vorbereitung auf die Rückkehr des Herrn Korbes: "Die Mäuschen fuhren den Wagen in die Scheune, das Hühnchen flog mit dem Hähnchen auf eine Stange, die Katze setzte sich ins Kamin, die Ente in die Bornstange, das Ei wickelte sich ins Handtuch, die Stecknadel steckte sich ins Stuhlkissen, die Nähnadel sprang aufs Bett mitten ins Kopfkissen, und der Mühlstein legte sich über die Türe." - Der Höhepunkt: "Da kam der Herr Korbes nach Haus, ging ans Kamin und wollte Feuer anmachen, da warf ihm die Katze das Gesicht voll Asche. Er lief geschwind in die Küche und wollte sich waschen, da spritzte ihm die Ente Wasser ins Gesicht. Er wollte sich an dem Handtuch abtrocknen, aber das Ei rollte ihm entgegen, zerbrach und klebte ihm die Augen zu. Er wollte sich ruhen und setzte sich auf den Stuhl, da stach ihn die Stecknadel. Er geriet in Zorn, und warf sich aufs Bett, wie er aber den Kopf aufs Kissen niederlegte, stach ihn die Nähnadel, so daß er aufschrie und ganz wütend in die weite Welt laufen wollte. Wie er aber an die Haustür kam, sprang der Mühlstein herunter und schlug ihn tot."
Das Märchen ist aus. - Die Mehrdeutigkeit und die Freiheit der Interpretation. Eines ist sicher: Die Reisenden - Hühnchen, Hähnchen, Katze, Mühlstein, Ei, Ente, Stecknadel und Nähnadel -, sie wußten, wer Herr Korbes war. In ihren Augen hatte er Strafe verdient. Hühnchen und Hähnchen saßen übrigens die ganze Zeit auf einer Stange und sahen nur zu. Herr Korbes wurde nicht sinnlos gequält; es wurde irgendeine Gerechtigkeit geübt, ohne daß der Zuhörer erführe, welchen Vergehens sich Herr Korbes schuldig gemacht hatte.
Dieses Märchen, räumlich und zeitlich nicht bestimmt, frei in der Erfindung und mehrdeutig - ein Muster fiktionalen Erzählens.
In der 4. Auflage, 1840, haben die Brüder Grimm dem Märchen einen Schlußsatz hinzugefügt, der für Kinder gut sein mag: "Der Herr Korbes muß ein recht böser Mann gewesen sein."
Anlässe. Moralische Labilität und Stabilität. Bis zur Ausreise in die Bundesrepublik Ende1977 wohnte ich mit meiner Familie zur Miete in einem Zweifamilienhaus in Berlin-Köpenick. Der Hauseigentümer bewohnte die Parterrewohnung. Kürzlich, 30 Jahre später, erzählte er: Als wir in seinem Haus wohnten, sei eines Tages ein Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit zu ihm gekommen und habe ihn aufgefordert, über mich und meine Familie an das MfS zu berichten. Er habe geantwortet: Das tue er nicht.
Anlässe: Die Butterblumen in der Wiese eines Großvaters. Die sanften Hände einer Großmutter. Die Schmerzensschreie der Mutter. Der Gestank der Rosen am Sarg des Vaters.
Unwiderstehlicher Anreiz: Die deutsche Sprache, ihre Geschichte, ihre Gegenwart. Die Abhandlung von Theodor Frings: "Antike und Christentum an der Wiege der deutschen Sprache". Die Geburt des deutschen Wortes "Gewissen": "Als ... in St. Gallen um [das Jahr] 1000 über <quae mordet conscientiam> einer Psalmenerklärung der Glossator [in seiner althochdeutschen Sprache] schrieb: <diu mih pîzzet in mînero gewizzeni> ´die mich beißt in meinem Gewissen´, da fand er ... das Wort, ..., dem Luther die evangelische Tiefe, [dem] das Denken des 18. Jahrhunderts die sittliche Weite gab, und das heute in ´Weltgewissen´ vor uns steht" [6].
Vor mehr als zweitausend Jahren schrieb Horaz in seiner Epistel "De arte poetica" [7] von der Wirkungsabsicht der Poeten, von dem Zweck, den sie ihrem Schreiben setzen: "Die Dichter wollen entweder nützen oder unterhalten oder auch beides zugleich ...": "Aut prodesse volunt aut delectare poetae aut simul ..."
Eine Antwort auf die Frage, was ich mit dem Schreiben bezwecke, muß ich Lesern und Kritikern überlassen. Anstatt auf meine Absichtserklärungen zu hören, lesen sie es aus meinen Texten.

[1] Zitiert nach Juan Eduardo Zúniga: Turgenjew. Eine Biographie. Frankfurt am Main und Leipzig 2001, S. 112
[2] Phaedrus: Fabeln. Lateinisch und deutsch. Herausgegeben von Volker Riedel. Leipzig 1989, S. 7
[3] maa: Schöner sterben. In: Tagesspiegel v. 4.1.2008
[4] Simon Sebag Montefiore: Der junge Stalin. Frankfurt am Main 2007
[5] Ein Satz meines Berliner Kollegen Richard Wagner
[6] Theodor Frings: Antike und Christentum an der Wiege der deutschen Sprache. Berlin 1949, S. 18
[7] Epistulae II,3: Ad pisones


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