33. Literarische Woche Bremen: »Mauerfälle« - Literatur. Kunst. Medien. 22.01-01.02.2009
Bremer Literaturpreis
 
 
 
Bericht von der Verleihung des Bremer Literaturpreises 2009
In der Oberen Halle des Alten Rathauses wurde am
26.1., dem Geburtstag des Namensgebers Rudolf Alexander Schröder, der Bremer Literaturpreis 2009 an Martin Kluger und der Förderpreis des Bremer Literaturpreises 2009 an Mathias Gatza verliehen.

Abbildung: Mathias Gatza, Bürgermeister Jens Böhrnsen und Martin Kluger (Foto: © Victor Ströver, nordsign, Bremen)

Bürgermeister Jens Böhrnsen, in seiner Funktion als Senator für Kultur, begrüßte die Preisträger, die Jury und das Publikum. Der Bürgermeister betonte die Bedeutung des Bremer Literaturpreises für das kulturelle Leben der Stadt: »Seit 1954 ist der 26. Januar ein festes Datum nicht nur im bremischen Kulturleben, sondern ein wichtiger Termin für den bundesweiten Literaturbetrieb. Die Jury hat es in diesen 55 Jahren immer wieder verstanden, herausragende Autoren zu würdigen und ein Schlaglicht auf junge Schriftsteller am Beginn ihrer Karriere zu werfen«. Der Bürgermeister gratulierte den Preisträgern auch im Namen des Senats der Freien Hansestadt Bremen und dankte der Jury, der Rudolf-Alexander-Schröder Stiftung, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadtbibliothek Bremen und der Öffentlichen Versicherung Bremen, die den Förderpreis finanziert hatte, für deren Einsatz für den Bremer Literaturpreis und die Literarische Woche.

Abbildung: Bürgermeister Jens Böhrnsen, Senator für Kultur (Foto: © Victor Ströver, nordsign, Bremen)
In seiner Laudatio auf Martin Kluger stellte Dr. Lothar Müller, Jurymitglied und Literaturkritiker bei der Süddeutschen Zeitung, den ausgezeichneten Roman »Der Vogel, der spazieren ging« in die Tradition von Joseph Roth: »In den Roman ›Der Vogel, der spazieren ging‹ ist die Grundbewegung des ›Hiob‹-Romans von Joseph Roth eingegangen, die Wanderung von Osteuropa nach Amerika.« Mueller hob Kluger ab von einer Traditionslinie, die von Paul Celan bis zu W.G. Sebald reiche und die sich vor allem um die »ernsten Register und die hohen Formen« bemühe. »Martin Kluger bildet hierzu den Gegenpol: sein Wappentier ist, wie gesagt, der Graupapagei Schiefhals aus dem Berliner Zoo, von Saul Bellow hat er viel gelernt, und er hat es sehr weit gebracht in der Kunst, die Katastrophen der Geschichte der leichten Muse zu überantworten, ohne ihre Schrecken zu verraten. Er hat den ins Angelsächsische emigrierten Lubitsch-Ton wieder in die deutsche Nachkriegsliteratur zurückgeholt, so wie einst die aus der Klezmer-Musik kommende Klarinette Benny Goodmans, nachdem sie vom europäischen Osten nach Amerika ausgewandert war, von dort als Jazzmusikerin wieder nach Europa zurückkehrte.«

Lesen Sie den ganzen Text in der Dokumentation der Laudatio >>

Abbildung: Dr. Lothar Müller (Foto: © Victor Ströver, nordsign, Bremen)
Michael Sieber, Staatssekretär a.D. und Vorsitzender der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung, zeichnete anschließend Martin Kluger mit dem Bremer Literaturpreis 2009 aus. Er erhält ihn für den im DuMont Verlag erschienenen Roman ›Der Vogel, der spazieren ging‹ .
»Der Bremer Literaturpreis 2009 geht an Martin Kluger für seinen Roman ›Der Vogel, der spazieren ging«, einer ebenso turbulenten wie schwarzen Komödie, in der literarisches Formbewusstsein und erzählerischer Einfallsreichtum die Gespenster der Vergangenheit darstellen und zugleich in Schach halten.«
(Aus der Begründung der Jury)

Michael Sieber überreicht Martin Kluger die Ernennungsurkunde des Bremer Literaturpreises. Foto: © Victor Ströver, nordsign, Bremen
In seiner Dankesrede bekannte Martin Kluger: »Mich haben die Leute mit den zerlumpten oder gefälschten Pässen und den zersplitterten Biographien, aus welchen Ländern auch immer, ob Opfer oder auch Täter der lebensgefährlichen Gewißheiten des 20ten Jahrhunderts, nie losgelassen, bis heute nicht. Es ist dabei – wie ich erst jetzt, erst allmählich zu bemerken glaube – weitaus weniger Betroffenheit über Wahn und Greuel im Spiel, als ich es viele Jahre angenommen hatte. Vielmehr eine Affinität zur Emigration an sich, ein grundlegendes Verständnis für die existentielle Bedeutung der Emigration«
In der Gattung »Roman« sieht Kluger eine Medizin, derer wir alle bedürfen: »Der Roman ist per se eine komödiantische Form, es können todtraurige Sachen darin passieren, aber der Roman bleibt – im Gegensatz zum Drama und zum Leben selbst – eine komödian- tische Form, und deshalb brauchen wir ihn mehr als manches andere. Für mich ist er ein Heilmittel, ein Antidot gegen den Weltwortbrei und Weltgeheimnisverrat und die fragwürdigen, immer noch lebensgefährlichen Gewißheiten.« Um als diese Medizin wirken zu können, braucht der Roman einen Autor mit den Qualitäten eines Don Quijote: »Wenn der Roman, diese urkomische, menschenfreundliche Form, nicht zur Pseudographie oder zum rein merkantilen Fleißprodukt degradiert werden soll, muß er gegen die Gewißheiten und die vorgefertigten Affekte und gegen den naiven Köhler-glauben an einen vermeintlichen Fortschritt hocher- hobenen, irrwitzigen Hauptes anrennen wie der Quijote.«

Lesen Sie den ganzen Text in der Dokumentation der Dankesrede >>

Martin Kluger Foto: © Victor Ströver, nordsign, Bremen
» ›Der Schatten der Tiere‹ lässt sich auch lesen als Versuch, mit den Mitteln der Schrift eine Zwillingsfigur zu schnitzen, um einen existentiellen Verlust zu kompensieren. Daraus ist allerdings auch zu schließen, was mit dieser Arbeit für den Schnitzer auf dem Spiel steht.« In seiner Rede auf den Förderpreisträger 2009, Mathias Gatza, sah Richard Kämmerlings, Mitglied der Jury und Literaturkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, also eine Kompensationsleistung als einen möglichen Interpretationsansatz. Weiter hob er das große schriftstellerische Können des Autors hervor: »Es gehört zu großen erzählerischen Kunst von Mathias Gatza, dass der Leser ihm bis zur letzten Seite, ja bis zum letzten Satz dieses Thrillers der Identität folgt, auch wenn er schon lange ahnt, dass die Suche hier noch nicht zu Ende ist, sondern wie in einem Bild von M.C.Escher wieder von vorn beginnt.«

Lesen Sie den ganzen Text in der Dokumentation der Laudatio >>


Richard Kämmerlings. Foto: © Victor Ströver, nordsign, Bremen
Anschließend überreichte Michael Sieber Mathias Gatza die Urkunde des Förderpreisträgers des Bremer Literaturpreises 2009. Er erhält ihn für seinen im Rowohlt Verlag erschienenen Roman ›Der Schatten der Tiere‹.
»Der Förderpreis geht an Mathias Gatza für seinen Debütroman »Der Schatten der Tiere«, der in einer so kunstvollen wie diagnostisch kühlen Sprache von einer Dreiecksbeziehung unter dem Stern von Tod und Wahn erzählt. Dieses kühn konstruierte Buch zieht den Leser in den Sog des Selbstverlustes der Figuren und stellt ihn vor ein literarisches wie kriminalistisches Rätsel.«
(Aus der Begründung der Jury)

Michael Sieber gratuliert Mathias Gatza zum Förderpreis. Foto: © Victor Ströver, nordsign, Bremen
In seiner humorvollen Dankesrede kam Mathias Gatza auch auf das ihn mit dem Preisträger Martin Kluger verbindende gemeinsame Interesse an Tieren zu sprechen: »Als ich nämlich vor einigen Jahren das Schmerzempfinden der Tiere untersuchte, ist mir ein grundlegendes Werk mit dem Titel ›Abwesende Tiere‹ von Martin Kluger in die Hände gefallen. Er war mir mit seinen Forschungen zuvorgekommen und erhält daher völlig zu Recht den Hauptpreis der Bremer Zoologen. Ich mußte damals meine jahrelang mit Akribie vorangetriebenen Studien abbrechen. In den folgenden Jahren habe ich meinen Konkurrenten argwöhnisch belauert, bin ihm im Zoo, den er gleich mir jeden Tag aufsuchte, sogar heimlich nachgeschlichen. Als ich ein Forschungsprojekt über die Zeitwahrnehmung im Winterschlaf befindlicher Murmeltiere begonnen hatte, entdeckte ich im Börsenblatt die Titelmeldung seines Buches ›Ein Vogel der spazieren ging‹, sicher eine Arbeit, so vermutete ich, über das Zeitgefühl herumtrödelnder Vögel, in der er nachweisen würde, daß eine Strecke von a nach b zu Fuß mehr Zeit beansprucht, als fliegend. Wiederum blieb mir nur, mich umzuorientieren, und ich widmete mich dem abseitigen Thema ›Der Schatten der Tiere‹.<

Lesen Sie den ganzen Text in der Dokumentation der Dankesrede >>

Mathias Gatza. Foto: © Victor Ströver, nordsign, Bremen
Für den musikalischen Rahmen des Festakts sorgten
Oliver Poppe (Jazzpiano), Gerold Donker (Kontrabass) und Malte Schiller (Saxophon), die Werke von Piazzolla, Beethoven und Mercer spielten.

Oliver Poppe (Jazzpiano), Gerold Donker (Kontrabass) und Malte Schiller (Saxophon). Foto: © Victor Ströver, nordsign, Bremen