33. Literarische Woche Bremen: »Mauerfälle« - Literatur. Kunst. Medien. 22.01-01.02.2009
 
 
 
Abbildung: Erwin Miedtke führt in das Programm und die Thematik der Literarischen Woche 2009 ein. Foto: Victor Ströver, Bremen; © nordsign, büro für neue medien
Dokumentation – Begrüßung Dr. Peter Richter und Einführung in das Thema und das Programm der Literarischen Woche 2009

Sehr geehrte Herr Dr. Richter,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

Almut Straßburg-Grönzin für die Bremer Volkshochschule und ich, Erwin Miedtke, für die Stadtbibliothek Bremen heißen Sie herzlich willkommen hier im Wall-Saal der Zentralbibliothek zu unserem gemeinsamen Auftakt der 33. Literarischen Woche Bremen.
Ich begrüße Sie zugleich auch im Namen der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung und der Planungsgruppe.

Bevor wir in den heutigen Abends einsteigen, erlauben Sie mir bitte  eine Einführung in das Thema und einen kurzen Überblick über das Programm der 33. Literarischen Woche Bremen. Die Woche rankt sich um
•    die Verleihung des Bremer Literaturpreises am 26. Januar im Bremer Rathaus
•    die Vorabendlesung der beiden Preisträger am 25.1. um 18 im Bremer
     Schauspielhaus und
•    um die Abendveranstaltung am 26.1.; bei der die beiden Preisträger auf Einladung der Stiftung zwei Autoren vorstellen, denen sie besonders verbunden fühlen.
Diese Veranstaltungen sind öffentlich und kostenlos.

Für die Literarische Woche haben wir zusammen mit 10 Kooperationspartnern ein breites Programm aufgelegt, mehr als 20 Autorinnen und Autoren, Künstler und weitere Gäste nach Bremen eingeladen, die alle ihren ganz eigenen Beitrag leisten zu der interdisziplinären Betrachtungsweise, die ja das ganz Besondere der Literarische Woche Bremen ausmacht. Die Schnittstelle zwischen Literatur, Kunst, Wissenschaft und Medien.

Nach den Familiengeheimnissen im letzten Jahr haben wir in diesem Jahr das wohl aktuellste Thema der deutsche Zeitgeschichte gewählt: den Mauerfall von 1989, der in diesem Jahr 20 Jahre her sein wird und den wir  unter das Thema »Mauerfälle. Deutschland 20 Jahre danach. Literatur, Kunst, Medien« gestellt haben.
Der Titel weist in seinem Plural »Mauerfälle« auch auf unsere Intention hin, insbesondere auch die biographischen Brüche in den Fokus zu nehmen und in welcher Weise sie den Mauerfall erlebt und wahrgenommen haben.

Wir wollen an ausgewählten Beispielen zeigen, wie sich Literatur, Kunst und Film mit diesem gewaltigen gesellschaftlichen Umbruchprozess in Deutschland befasst und wie sie ihn reflektiert haben. Einen ganz besonderen Beitrag dazu stellt das Kino 46 am Sonntag, den 1.2.09, vor mit dem Film »Auge in Auge« – eine deutsche Filmgeschichte von Hans Helmut Prinzler! Ein Film der zeigt, wie nah uns – in Wirklichkeit ist, was uns fern erscheint. 
Der Regisseur ist anwesend und wird sich im Gespräch äußern.

Den Rahmen für diese Literarische Woche bietet die hier im Saal präsentierte Ausstellung mit Fotos der Berliner Autorin Irina Liebmann. Die hier gezeigten Arbeiten werden uns während des gesamten Zeitraums der LitWo begleiten. Diese Ostberliner Ansichten der Großen Hamburger Str. aus den letzten Tagen der DDR erzählen unendlich viel von der Vielfalt Berlins und seinen Gegensätzen. Berlin steht als Gradmesser für den politischen wie gesellschaftlichen Zustand unseres Landes.

Eines der ästhetischen Prinzipen für diese Ausstellung  ist das Prinzip  »Realität als Rohstoff« – dieses gilt aber ebenso für viele Romane zum Thema.
In der deutschsprachigen Literatur ist seit geraumer Zeit eine deutliche Rückkehr des Politischen zu konstatieren. Die Konjunktur des zeitgeschichtlich orientierten Romans wird auch im Zusammenhang mit der Suche nach den historischen Linien in der deutschen Geschichte gesehen.
Viele Autorinnen und Autoren gehen in ihren Büchern weit zurück in die deutsche Geschichte. Und so schlagen auch wir in einzelnen Beiträgen den Bogen auf 60 und 100 Jahre Deutschland. Wir stellen z.B. aber auch fest, dass jüngere Menschen aus beiden Teilen nach 20 Jahren Wende mit einem ähnlich distanzierten Blick auf die jüngere Geschichte zurückschauen. Jana Hensel aus Ost- und Elisabeth Raether aus Westdeutschland  werden uns das beweisen in ihrer Matineelesung zusammen mit der ehemaligen DDR-Spitzensportlerin und heutigen Vers-Professorin, Ines Geipel, am kommenden Sonntag, um 12h hier im Saal.

Die von uns eingeladenen Autorinnen und Autoren zeigen mit ihren vorgelegten Büchern und Beiträgen, dass sie das Thema aus unterschiedlichen Aspekten angehen. Ein ganz spannendes Projekt dazu hat das Bremer Literaturkontor aufgelegt: Junge Bremer Autorinnen und Autoren, die den Mauerfall als Kinder erlebt haben, lesen eigene Texte und diskutieren zum Thema »Zwischen Familiengeschichten und Gegenwartsbarrieren«.
 
Um eben diese Barrieren zu überwinden, ist der Dialog zwischen Ost und West wichtig. Aber ebenso wissen wir, dass es immer noch immer Vorbehalte zwischen den Menschen aus Ost und West im vereinigten Deutschland gibt. Das zu thematisieren ist Ziel sowohl des heutigen Abends als auch  Abschlussabends am Samstag, den 31.1.2009 im Concordia Theater.
Michael Jürgs, ehemals Chefredakteur des Stern und von tempo,  und seine Koautorin Angela Elis aus Leipzig ziehen vom jeweiligen Standpunkt, Ost oder West, gewaltig vom Leder, alles kommt auf den Tisch, Ressentiments, Missverständnisse, Unkenntnisse. Dabei spielen natürlich Erlebnisse und Erfahrungen aus der Zeit vor der Wende eine wesentliche Rolle.
Als weitere Gäste haben wir den jungen Romanautor Jan Böttcher dabei. Er erzählt in seinem Roman »Nachglühen« von einem Redakteur aus Göttingen, der mit seiner Frau beschließt, den elterlichen Gasthof in seinem Heimatdorf im einstigen DDR-Sperrgebiet an der Elbe zu übernehmen. Hier jedoch verbindet trotz Wiedervereinigung immer noch keine Brücke die beiden Ufer. Überhaupt scheint alles beim Alten. Jan Böttcher sorgt auch für die Musik. Weiterer Gast der von Silke Behl moderierten Veranstaltung ist Ulrike Draesner, die als Autorin und Lyrikerin einen ganz eigenen Weg der Auseinandersetzung mit diesem deutschen Thema gefunden hat.
Ein ganz besonderes Beispiel für eine sehr persönliche Auseinandersetzung ist Irina Liebmann, die mit ihrem autobiographischen Buch über ihren Vater Rudolf Herrnstadt einen Akteur der Zeitgeschichte vorstellt, der als überzeugter Kommunist am System der DDR scheitert und als Mitverantwortlicher für den Volksaufstand am 17. Juni 53 in die Provinz verbannt wird. Wir freuen uns ganz besonders, dass wir das auch in Öffentlichkeit so präsente Buch und seine Autorin, die dafür mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet wurde, hier in Bremen vorstellen zu können.

Nach diesen vielen Blicken auf uns selbst ist auch der Blick von außen auf Deutschland spannend. Das Institut Francais lädt am Mittwoch , 28.1., um 19.30h den französischsprachigen und in Berlin lebenden Autor Olivier Guez ein, der in einer zweisprachigen Veranstaltung seine Erfahrung mit La Chute de Mur/ also »Dem Mauerfall« vorträgt. Er liest aus seinem gleichnamigen Roman, der in der Übersetzung im März in Deutschland erscheinen wird und erst im Mai i Frankreich –  also eine Weltpremiere ist zu erleben. Dabei ist sein Übersetzer Helmut Reuter aus München.

Die Erfahrung von Teilung und realen Mauern zwischen Menschen greift der spanische Künstler Daniel Garcia Andujar auf in seiner Videoinstallation jetzt am Samstag um 18h im Neuen Museum Weserburg. Er thematisiert in besonderer Weise in einer speziell für Bremen erarbeiteten Aktion die Ereignisse von 1989 und die bis heute andauernden Folgen.  

Ich komme zum Schluss und weise Sie noch auf unsere Homepage hin – www.literarischewoche.de – auf der sie nicht nur das Programm, sondern auch in der 10 verschiedene Podcast anklicken und anhören können. Podcasts, die sie weiter in das Thema der Woche einführen, Ihnen die Gäste schon einmal im Interview vorstellen. Autor ist Tim Schomacker, der viele unserer Gäste, die fast alle in Berlin leben, besucht hat und ein ganz eigenes Werk für die 33. Literarische Woche Bremen geschaffen hat.