

Dankesrede Mathias Gatza
Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
geehrte Damen und Herren der Bremer Jury und
der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung,
lieber Laudator Richard Kämmerlings,
lieber Tierfreund Martin Kluger,
sehr verehrte Ornithologen, Entomologen und Zoologen,
Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht über mein äffisches Vorleben einzureichen.
In diesem Sinne kann ich leider der Aufforderung nicht nachkommen. Nahezu fünf Jahre trennen mich vom Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht am Kalender gemessen, unendlich lang aber durchzugaloppieren, wie ich es getan habe . Der Sturm, der mir aus meiner Vergangenheit nachbläst, sänftigt sich; heute ist es nur ein Luftzug, der mir die Fersen kühlt; und das Loch in der Ferne, durch das er kommt und durch das ich einstmals kam, ist so klein geworden, daß ich, wenn überhaupt die Kräfte und der Wille hinreichen würden, um bis dorthin zurückzulaufen, das Fell vom Leib mir schinden müßte, um durchzukommen.
An dieser Stelle schaue ich wehmütig auf und gestehe Ihnen, daß ich, was Kafkas Affe sagt, so ähnlich auch sagen könnte. Fünf Jahre trennen mich von meinem Vorleben. Gerne wollte ich nach dieser Zeit, das gebe ich kleinlaut zu, einen Literaturpreis bekommen, dachte sogar kurz, daß es sich beim Bremer Förderpreis um einen handeln würde. Nicht erst beim Anblick der Skulptur vor dem Rathaus hätte ich indes mißtrauisch werden sollen, Tiere, schon wieder nichts als Tiere. Bereits seit ich in der ehrwürdigen FAZ die Meldung zur Preisverleihung mit der Überschrift "Vögel, die kassieren" las, hätte mir klar werden müssen, daß ich in meiner Hoffnung getäuscht wurde und mir ein Preis für außerordentliche zoologische Leistungen verliehen werden soll.
Aber vielleicht ist es meine eigene Schuld, werden Sie urteilen, wenn ich Ihnen kurz von meinen Forschungen berichtet habe. Als ich nämlich vor einigen Jahren das Schmerzempfinden der Tiere untersuchte, ist mir ein grundlegendes Werk mit dem Titel "Abwesende Tiere" von Martin Kluger in die Hände gefallen. Er war mir mit seinen Forschungen zuvorgekommen und erhält daher völlig zu Recht den Hauptpreis der Bremer Zoologen. Ich mußte damals meine jahrelang mit Akribie vorangetriebenen Studien abbrechen. In den folgenden Jahren habe ich meinen Konkurrenten argwöhnisch belauert, bin ihm im Zoo, den er gleich mir jeden Tag aufsuchte, sogar heimlich nachgeschlichen. Als ich ein Forschungsprojekt über die Zeitwahrnehmung im Winterschlaf befindlicher Murmeltiere begonnen hatte, entdeckte ich im Börsenblatt die Titelmeldung seines Buches "Ein Vogel der spazieren ging<, sicher eine Arbeit, so vermutete ich, über das Zeitgefühl herumtrödelnder Vögel, in der er nachweisen würde, daß eine Strecke von a nach b zu Fuß mehr Zeit beansprucht, als fliegend. Wiederum blieb mir nur, mich umzuorientieren, und ich widmete mich dem abseitigen Thema "Der Schatten der Tiere.<
Aber über das aus diesen Studien hervorgegangene Werk möchte ich jetzt nicht reden, sondern mich als heute von Ihnen ausgezeichneter Naturwissenschaftler über das mit literarischer Eitelkeit vorangestellte Zitat von Kafka wundern. Dabei vermeide ich, da mir gesagt wurde, dass sich nicht ausschließlich Zoologen unter den Festgästen befinden, auf morphologische Unstimmigkeiten hinzuweisen - so ist ein galoppierender Affe beispielsweise noch nie gesichtet worden, Kafka dichtet ihm später, einem Schimpansen, sogar einen Schwanz an, alles sehr ärgerliche Fehler.
Was mich vielmehr interessiert, ist das Zeitlabyrinth, in das Kafka uns mit dem Affen lockt. Der Affe berichtet von einer Vergangenheit, die ihm immerhin noch erreichbar erschiene, wenn er sich das Fell vom Leib schinden würde. Wie sähe er aber aus, wenn er an seinen Ursprungsort gelangen könnte? Nackt, also doch am ehesten wie ein Mensch! Kehrt Kafka die Abstammungslehre um? Vermutlich handelt es sich, so dachte ich zuerst, um unpräzises Denken, wie es bei Schriftstellern an der Tagesordnung ist, doch ist das sicher? Ein Wind saust dem Affen aus der Vergangenheit manchmal um die Ohren der ihn am Tag, von dem er erzählt, allerdings nur noch sanft an der Achillesferse kitzelt. Ein anderer Autor, Walter Benjamin, hat wenig später dieses Geschichtsbild aufgegriffen:
Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt . Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet . Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her . Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt.
Ob Engel oder Affe, beide arbeiten sich am Zeitstrahl ab, an der Erinnerung, am Kontinuum. Das Problem ist immer das Verweilen, die Gegenwart, der Schnittpunkt. Kafka läßt seinen Affen überlegen, gegen den Sturm der vergangenen und vergehenden Zeit anzulaufen, aber sein hinterhältiger Hinweis auf die Achillesferse der Weltordnung deutet an, daß er die Paradoxien der Zeit kennt und weiß, als Autor wird er mit den gängigen Mitteln nicht einmal eine Schildkröte einholen können.
Gehen wir entgegen dem Zeitstrahl hundert Jahre zurück:
Der bestens mit Mathematik und Kriegstechnik vertraute Heinrich von Kleist war vielleicht der erste, der Umwege konstruiert hat, um ans Ziel zu kommen. Gedanklich kreuzte er einen Bären mit einem Gott, und so entstand eine von menschlicher Hand und mathematischen Gesetzen geführte Marionette. Seine Strategie, mittels Umgehung ins Paradies zu gelangen, scheint mir besonders verschlagen:
Das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen und sehen, ob es vielleicht von hinten offen ist.
Bei ihm werden Zeit und Raum aufeinander abgebildet und kreisförmig. Selbst wenn er die Tür verschlossen fände, hätte er die Welt zumindest ausgemessen und umkreist.
Manchmal ist es nötig, der unerhört verlockenden Geradlinigkeit zu widerstehen und dem Papier ein Geschehen aufzudrängen, von dem wir meinen, es spiele sich außerhalb des Blickfeldes und jenseits der Wahrnehmung ab. Worte sind trügerisch, wie überhaupt einmal mehr gesagt werden muß, daß die Lüge die größte und stets blühende Domäne des Wortes ist und es kein Mittel gibt, sie aufzulösen.
Vermutlich deshalb versucht Kleist seine Literatur an der Traumsprache der Mathematik fortzuentwickeln, und wir sehen, daß seine Umgehungsstrategie, um ins Paradies gelangen, nicht nur um die Welt, sondern durchs Unendliche führte. Er schrieb:
Doch so, wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der einen Seite eines Punktes, nach dem Durchgang durch das Unendliche, plötzlich wieder auf der anderen Seite einfindet . so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein.
Grazie oder Schönheit hat seine Literatur nicht etwa, weil Mathematik darin vorkommt, sondern weil sie ebenso phantasievoll, präzise, abenteuerlich, waghalsig und manchmal sinnlos ist, wie die Mathematik selbst. Kleist nutzt hier die euklidische Geometrie, um eine Utopie zu entwerfen, in dem das Paradies plötzlich wieder vor uns läge. Leider wurde auch das ehrwürdige euklidische Axiomsystem nach Kleist Zeit in Frage gestellt. Mit Gauß, Lobaschewski und Riemann, entstehen in der Mathematik Labyrinthe mit zahlreichen Spiegelungen, Raum und Zeit beginnen sich zu krümmen. Uns Zoologen schrecken Labyrinthe nicht, im Gegenteil, haben diese nahezu für allmächtig gehaltenen Apparate von W.S Small seit 1899 den Wunschtraum der Tierpsychologen erfüllt. Warum sollten sich also gerade Autoren vor Labyrinthen schrecken?
Ihnen, meine Damen und Herren von der Jury, wird aufgefallen sein, daß meine Art, die Literatur zu betrachten, als eine Anwendung des Schreibens auf das Schreiben angesehen werden könnte. Ein Blick, der sich für die inneren Möglichkeiten der Sprache interessiert, hält die seltenen Schlußfolgerungen oder Wahrheiten über das Leben für kurze Pausen oder Auftakte für weitere Zweifel und Experimente. Im Labyrinth der Worte finden wir das berechenbare und unberechenbare Element der Welt, hier führt nur der Umweg zum Mittelpunkt oder Ausgang.
Höre man zum Beispiel Kafkas Affen nochmals zu, wird man den Verdacht nicht los, daß der Wind der Vergangenheit auch bei ihm um die Ecken eines zugigen Labyrinthes pfeift:
Nein, Freiheit wollte ich nicht, nur einen Ausweg; rechts, links, wohin immer; ich stellte keine anderen Forderungen, sollte der Ausweg auch nur eine Täuschung sein; die Forderung war klein, die Täuschung würde nicht größer sein.
Und weiter heißt es:
Heute sehe ich klar: ohne größte innere Ruhe hätte ich nie entkommen können. Und tatsächlich verdanke ich vielleicht alles, was ich geworden bin, der Ruhe.
Und daher danke ich Ihnen als Affe, als Engel, als Marionette, wie Sie wollen, für die Ruhe, die mir die Anerkennung durch diesen Preis gibt. Ich kann Ihnen kaum mehr versprechen, als mich weiter ins Labyrinth unseres Kopfes und unserer Wahrnehmung zu begeben, um die Ungeheuer der vergehenden Zeit darin zu stellen - nicht indem ich sie bekämpfe, sondern indem ich versuche, ihren Mechanismus zu begreifen, sie durch Aufmerksamkeit zu entwaffnen und zu einem vertrauten gegenwärtigen Ding zu machen.
Herzlichen Dank