


Laudatio
Zur Verleihung des Förderpreises zum Bremer Literaturpreis an
Mathias Gatza
für seinen Roman »Der Schatten der Tiere«
im Bremer Rathaus am 26. Januar 2008
Von Richard Kämmerlings
Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
lieber Mathias Gatza,
wenn wir einen Krimi lesen, machen wir uns gewöhnlich nicht bewusst, dass seine Geschichte nur auf der Grundlage der klassischen Naturgesetze funktioniert. Jede Wirkung hat eine Ursache, jede Tat einen Täter und jeder Mord mindestens einen Mörder. Kein Mensch kann sich zur gleichen Zeit an zwei verschiedenen Orten aufhalten, also ein wasserdichtes Alibi haben und doch am Tatort gewesen sein. Die Gründe für ein Verbrechen liegen immer in der Vergangenheit, niemals in der Zukunft. Eine Kugel folgt dem Gesetz der Trägheit, fliegt also niemals um die Ecke. Und ein toter Körper fällt immer zu Boden.
All das müsste nicht so sein, schon gar nicht in einem Roman. Und doch ist es immer so, millionenauflagenfach. Alle Regeln können übertreten werden, alle Gesetze gebrochen, nur die physikalischen nicht. Nicht der Kommissar oder der Staatsanwalt sind die obersten Gesetzeshüter, sondern stets der Autor.
Braun heißt der Mathematiker, dessen Ermordung in der norwegischen Einöde der Beginn und der Brennpunkt von Mathias Gatzas Roman >Der Schatten der Tiere< ist. Vor seinem Rückzug in eine einsame Hütte in freier Natur hatte dieser Braun bedeutende und brisante Forschungen durchgeführt, etwa ein Projekt zum Nachweis so genannter >dunkler Materie<, auf deren Existenz im Universum verschiedene Ungereimtheiten der kosmologischen Rechenspiele hinweisen. >Er hatte ein Stipendium an der Sternwarte von La Paz, aber das ging es um Versuche zu Gödels Kosmostheorie, die besagt, dass Einsteins Theorie auch ohne lineare Zeit auskommt, Zeitreisen also möglich sind<. Was würde das für einen Kriminalroman bedeuten, wenn der Ermordete gerade nachgewiesen hätte, dass die Zeit nicht linear verlaufen muss? Müsste dann nicht der Ermittler überhaupt erst beweisen, dass ein Mord stattgefunden hat?
Der Erzähler des Romans ist ein ehemaliger Verleger, der seine berufliche Existenz und sein Familienleben unter schwerem Alkoholeinfluss vor die Wand fuhr. Braun lernte er während seines Entzugs auf langen Spaziergängen im Berliner Zoo kennen, auch dieser ein offenbar im Leben Gescheiterter, der nur noch im Rausch Sinn finden beziehungsweise die Frage nach Sinn vergessen kann. Die Witterung nimmt er auf wie ein Tier. >Ich habe, was diese Gerüche angeht, eine geradezu forensische Nase. Der Mensch neben mir musste seit drei Tagen nicht geschlafen haben, hatte vielleicht seit einer Woche getrunken, jeden Tag, an diesem Tag bereits seine zweite Flasche. Das ging mit Unterbrechungen sicher schon einige Monate so. Mehr nicht. Ich erkenne das, wie andere die Herkunft und Lage eines Weines erschmecken, was mir wiederum nie gelungen ist, ich hatte mich als Transzendentaltrinken auf das Wesentliche zu konzentrieren.<
Als er von Brauns Tod erfährt, hält sich der inzwischen mehr den Tieren als den Menschen zugeneigte Erzähler mit journalistischem Kleinvieh über Wasser, schreibt kleine Schnurren und Berichtchen aus dem Zoo-Alltag für Zeitungen. Kurz vor Brauns Tod hat er ihn in Norwegen in seiner Einsamkeit besucht, ohne sich erinnern zu können oder zu wollen, was genau dort geschah. Noch unzuverlässiger als ein betrunkener Erzähler ist ein trockengelegter Alkoholiker, für den die Erinnerungslücken und das Vergessen geradezu eine Lebensnotwendigkeit sind.
Brauns schöne Ehefrau Hélene taucht auf und wieder ab, der Erzähler zeigt sich auf diffuse Weise von ihr oder besser von Brauns früherem Leben mit ihr angezogen. Später flieht er zu ihr nach Amsterdam, verfolgt von der Polizei oder Schlimmerem, nur um dort erst recht in die Falle zu gehen. Zusammen flüchten beide nach Norwegen, zum Tatort. Und dort erst vollzieht sich die Tat, um derentwillen Mathias Gatza dieses Buch geschrieben hat: die Verschmelzung von Erzähler und Erzähltem, von Ich und Braun, die Einswerdung zweier Figuren als Effekt der Schrift.
Mathias Gatza, den wir heute mit dem Förderpreis auszeichnen, ist ein ungewöhnlicher Debütant. Wer den Literaturbetrieb der letzten zwanzig Jahre kennt, für den ist Gatza ohnehin ein Begriff, für den steht dieser Name seit Anfang der neunziger Jahre - als Verleger, dann als Lektor - für eine ambitionierte, junge Literatur. Gatza Verlag, Imprint bei Eichborn, Lektor bei Suhrkamp - die autobiografischen Zutaten an der Verlegerkarriere des Ich-Erzählers will Gatza nicht verbergen. Mit Mitte Vierzig nach einer solchen meteoritenhaften Laufbahn zu debütieren, ist eine überaus mutige Entscheidung. Sie kann ja fast nur aufgefasst werden als eine Kampfansage, nach dem Motto: Jetzt zeige ich Euch mal, wie Literatur wirklich geht. Was eine Harke ist. Wie man Lesbarkeit und poetologischen Anspruch verbindet. Das könnte furchtbar nach hinten losgehen. Doch Mathias Gatza zeigt es uns tatsächlich. In einigen ganz kurzen Passagen lässt er die Muskeln spielen, lässt tarantinohafte Schläger auftreten, flösst wie in alten James-Bond-Filmen per diabolischem Wissenschaftler Wahrheitsserum ein und lässt Figuren Sätze sagen wie: >So du Clown, jetzt werden wir die Wahrheit aus deinem Spatzenhirn herausspülen<. Man kann sich das Vergnügen vorstellen, das Gatza beim Hinschreiben solcher Sätze hat, auch weil man spürt, wie viel Missvergnügen und Knochenarbeit in den übrigen steckt.
>Findest Du nicht auch, fragt Lisa, dass es an der Zeit ist uns vorzustellen? Meinen Namen kennst Du schon. Ich bin sechsundzwanzig Jahr alt und reise allein. Jetzt weißt Du alles über mich.< - >Und was machst Du sonst, außer Männer auf Eisenbahnfahrten in den Abgrund zu stoßen?< - >Ab und zu arbeite ich für Verlage.< - >Ich heiße Braun und baue Staudämme in Südamerika< - >Hast Du Dich nicht geirrt? Du warst mal Verleger, und auf jeder Titelseite in Deutschland steht, dass Du wegen Mordes gesucht wirst, sei also nicht so bescheiden.<
Die Identitätsumwandlung, die magische Inbesitznahme einer fremden Existenz läuft schleichend wie die Machtübernahme des Alkohols im eben noch souveränen Körper. Der ganze Roman ist virtuos um das Zwillingsmotiv gebaut, das viel stärker als die äußerlichen Ähnlichkeiten zwischen Erzähler und Autor den autobiografischen Kern des Buches bilden. Mathias Gatza hat dem Buch eine Widmung vorangestellt. >In Gedenken an meinen Zwillingsbruder Andreas< lautet sie. Der Roman ist durchzogen von Doppelgänger- und Verwechslungsmotiven. Brauns Frau heißt Hélene, die des Erzählers Eleni, das letzte Kapitel trägt als Titel ein Celan-Zitat: >Das H ist die Spur, die unser Atem in der Sprache hinterlässt.
Auch von Braun sind nur noch Spuren überliefert, sein Tagebuch aus Bolivien etwa, doch in diesem kommt er seinem Leser, also auch uns näher, als es auf einer Parkbank im Zoo je möglich wäre. Was den Menschen vom Tier unterscheidet ist nicht die Sprache, denn die haben auf ihre Weise auch die Tiere, sondern die Zeichen der Schrift. Die Schrift verweist stets auf etwas Abwesendes, sie ist daher ein ständiges memento mori: >Dafür erinnere ich mich an den Schrecken, der mich erfasste, als ich das erste Mal einen kitzelnden Filzstift um meine Finger zog und, nachdem ich meine Finger vom Blatt genommen hatte, die welligen Linien auf dem Papier betrachtete. Es war der erste Kontakt mit den Schatten, die wir in uns haben, und die Geisterhand blieb. Da half es auch nicht, das Papier zu zerreißen, sie hatte mich schon gepackt und spielte meinem kindlichen Verstand eine allererste Ahnung von Sterblichkeit zu.<
Allerdings ist die Schrift auch ein Medium der Täuschung und der Lüge, und so wird immer unklarer, ob sich der Erzähler seine Begegnungen mit dem Alkoholiker Braun nicht nur ausgedacht hat, ob Braun nicht nur ein abgespaltener Teil seiner selbst ist, eines abgetöteten früheren Ich, eben eines Schattens, den >wir in uns haben<.
In Amsterdam begegnet der Erzähler auf der Suche nach Brauns Hélene einer Frau, die sich Ada nennt, mit der er eine kurze Affäre hat. Das ist einerseits eine Anspielung auf den berühmten späten Roman Vladimir Nabokovs >Ada oder das Verlangen<, ein Meisterwerk voller Doppelgänger und Spiegelfiguren und metafiktionalen Spielereien mit Zeitstrukturen. Zugleich wird bei dieser Begegnung ein zentraler Mythos eingeführt. In Adas Wohnung steht ein afrikanische Schnitzfigur: >Ein ere ibeji genannte Zwillingsfigur. In der Vorstellung der Yoruba ist der Tod von einem Zwilling ein Unglück, das Zwillinge eine gemeinsame Seele haben. Nach dem Tod des einen schwebt die Seele zwischen den Welten und bedroht den überlebenden Zwilling. Um der Seele wieder einen Platz zu geben, muss ein Schnitzer eine Zwillingsfigur herstellen, der die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wird wie dem Zwilling, der noch lebt<. Das Herstellen von Figuren und Puppen als Stellvertreter und magische Übergangsobjekte spielt auch bei den ethnologischen Beobachtungen Brauns in Bolivien eine wichtige Rolle. >Der Schatten der Tiere< lässt sich auch lesen als Versuch, mit den Mitteln der Schrift eine Zwillingsfigur zu schnitzen, um einen existentiellen Verlust zu kompensieren. Daraus ist allerdings auch zu schließen, was mit dieser Arbeit für den Schnitzer auf dem Spiel steht.
Und was hat es nun mit den Tieren auf sich? (Es ist eine überaus interessante Koinzidenz, die wirklich ganz auf Zufälligkeit beruht, dass wir heute zwei Autoren auszeichnen, die beide große Fans und mutmaßlich Dauerkarteninhaber des Berliner Zoos sind. Abwesende Tiere wäre auch ein schöner Titel für Mathias Gatzas Roman gewesen, denn die Schatten sind ja nichts anderes als Zeichen der Abwesenheit. Darüber, was die Tiere bei Martin Kluger bedeuten, könnte man einen eigenen Vortrag halten). Bei Mathias Gatza sind sie ein Paralleluniversum, ein dem menschlichen Bewusstsein gänzlich und für immer unzugänglicher Teil der Welt, in dem auch andere Gesetze gelten. Brigitte Kronauer hat einmal von der >Konstanz der Tiere< gesprochen, sie seien >Garant und Komplize eines Anderen auch in uns, das sich sperrt gegen Extraktion und Bilanz.< Auch bei Gatza ist die Überwindung der linearen Zeit, auch der einer Entwicklung im biografischen und evolutiven Sinne, ein Attribut des Animalischen. Tiere sind eine Stauchung der Zeit: >Jahrzehnte später schauen die Tiere einen an, als wäre kaum eine Sekunde seit der Kindheit vergangen, als hätte man nur einen einzigen Moment die Augen zugehabt. Beim Anblick von Tieren kann man auf diese Weise wahrscheinlich sogar ganze Jahrzehnte zurückspringen, wer weiß, vielleicht sogar bis zum sechsten Schöpfungstag.< Wie die Mathematik verweisen sie - anders als die Schrift - auf nichts außerhalb ihrer Welt. Gerade weil die Mathematik rein ist und die Tiere - wenn man von allen Projektionen befreit - keine Bedeutungen mehr tragen, entlasten sie uns vom Verlangen nach Sinn, das ansonsten nur im Rausch illusionäre Erfüllung finden kann. Es ist so konsequent, dass der Erzähler im Entzug gerade den Zoo aufsucht.
Die Schrift und damit der Roman ist genau das Gegenprogramm dazu, da die Lektüre von der Sinnsuche angetrieben wird, der hermeneutischen >Wut des Verstehens<, wie Jochen Hörisch das einmal genannt hat. Eine Geschichte, an deren Anfang ein mysteriöser Tod steht, ist der Paradefall einer literarischen Quest, einer Suche nach des Rätsels ultimativer Lösung. So verstrickt Gatza seine Leser in dasselbe Dilemma, an dem seine Figuren leiden und vor dem sie in den Alkohol, in die Natur oder die abstrakten Räume der Mathematik flüchten - man kann nicht nicht nach Sinn suchen. Schon auf der Ebene des Stils, den oft etwas verrätselten, um die Ecke erzählten oder durch Auslassungen von Zwischenschritten verknappten Sätzen zwingt Gatza den Leser zur Detektivarbeit, zum Fährtenlesen und zur Schlussfolgerung. Überall hinterlässt er Spuren aus literarischen, kulturgeschichtlichen und naturwissenschaftlichen Anspielungen. Hat Braun etwas mit der Braunschen Röhre zu tun? Oder warum sonst versucht der Erzähler verzweifelt einen Fernseher zu reparieren - ebenso übrigens wie eine Kaffeemaschine der Firma Braun? Was hat es mit Brauns Forschungen auf sich? Wie hat die frühere Konzertpianistin Hélene tatsächlich ihre Hand verkrüppelt? Wer hat Brauns Tagebuch geschrieben? Wieviel an dunkler Materie enthält dieser Roman und wie wäre sie nachzuweisen?
In dieser literarischen Kombinatorik ergibt sich aus jeder möglichen Lösung nur ein weiteres Problem. Es gehört zu großen erzählerischen Kunst von Mathias Gatza, dass der Leser ihm bis zur letzten Seite, ja bis zum letzten Satz dieses Thrillers der Identität folgt, auch wenn er schon lange ahnt, dass die Suche hier noch nicht zu Ende ist, sondern wie in einem Bild von M.C.Escher wieder von vorn beginnt.
Kann man eigentlich ein literarisches Werk fördern wollen, was bereits so ausgereift wirkt? Man muss, auch das lehrt der Roman von Mathias Gatza, nicht jedes Paradox lösen wollen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.