33. Literarische Woche Bremen: »Mauerfälle« - Literatur. Kunst. Medien. 22.01-01.02.2009
Bremer Literaturpreis
 
 
 
Martin Kluger Foto: © Victor Ströver, nordsign, Bremen
Dokumentation

Dankesrede Martin Kluger

Verehrte Anwesende:

Ich danke der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung und der Jury für die Verleihung des Bremer Literaturpreises an meinen >Vogel, der spazieren ging<.
Vielleicht bin ich etwas spät dran, das kommt daher, daß auch ich lange spazierenging, neun Jahre spazierte ich von 1984 an im Berliner Zoo herum, weitere neun Jahre mußte ich warten, bis ein Verlag sich getraute, das zugegeben recht umfangreiche Resultat meiner Gänge, den Roman >Abwesende Tiere<, im Jahr 2002 zu veröffentlichen. Das Wartenkönnen - beim Vorgang des Schreibens ebenso wie beim Zusammenprall mit den Gegebenheiten des Betriebs - gehört zum Handwerkszeug des Romanciers, wie ich ihn verstehe: als einen, der alles, was er zu sagen hat, hortet für die Fiktion. Der zuallererst schreibt, um eben das Reden, den Beitrag, den Diskurs zu meiden.

Vorwiegend halte ich mich in frei erfundenen Welten auf, wo es keine Gewißheiten geben kann, und Aussagen, Meinungen, Standpunkte immer Teil des Maskenspiels sind. Meine Leutchen wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, festgelegt und festgenagelt zu werden, sei es biographisch, soziologisch oder weltanschaulich. In den Abwesenden Tieren liest der Zoodirektor bevorzugt Konrad Lorenz, und einer der sympathischen Leitsprüche dieses großen Hinschauers lautete: >Jeden Morgen eine neue Theorie<. Wir wissen kaum, wer wir sind, noch weniger, wer wir waren, wenn wir nach dem Aufstehen vor dem Spiegel uns das Gesicht für den Tag zurechtzupfen. Wir beharren darauf, eine Identität, die gepflegt werden muß, unser eigen zu nennen, so wie wir den Kühlschrank in der Küche und vielleicht - da wird es schon schwieriger - die unter der Bettdecke mit gespitzten Ohren schlummernde Katze unser eigen nennen. Den Senator William Butler Yeats überkamen gegen Ende seines langen Lebens leichte Schwindelanfälle, er schrieb an Dorothy Wellesley: I begin to see things double - doubled in history, world history, personal history. Frage: Erkennen wir sie denn, die Weltgeschichte, wenn wir ihr persönlich auf der Straße begegnen? Notierte Kafka nicht am Tag, als der sogenannte Erste Weltkrieg ausbrach: Nachmittags schwimmen? Wollen wir ihr, der world history, wirklich vor dem KaDeWe in die Arme rennen wie einem verhaßten Deutschlehrer oder einer peinlichen Erbtante?
Vielleicht bedarf es leiserer Andeutungen, kleinerer Zeichen, um zu begreifen, wie groß, wie komisch aber auch, der Schlamassel ist und immer war. Vielleicht bedarf es weiterhin der Literatur - die eben keine Fortschrittsgeschichte ist.

Eine fast schon der Fiktion, sagen wir einer Erzählung von E.T.A. Hoffmann entstiegene Figur war der polnische Dichter Zbigniew Herbert, den ich eine Zeitlang zu meinen Freunden zählen durfte. Es geschah in der Akademie der Künste Berlin, damals am Hanseatenweg, irgendwann Ende der siebziger Jahre, daß Zbigniew Herbert vor ausverkauftem Haus aus seinen Gedichten vortrug. Er las sie nicht aus seinen Büchern, sondern von Zetteln, die irgendwann zur Neige gingen, obwohl das Publikum nach Zugaben rief. Schließlich zog er mit einer kleinen Geste der Resignation seinen polnischen Paß hervor (der Paß sah aus, wie Woody Allen einen polnischen Paß gefilmt haben würde: abgewetzt, Eselsohren, >zerlumpt<) und fragte uns: >Soll ich aus meinem Paß vorlesen?< Da lachten wir alle, noch mehr als über seine Gedichte und Geschichten vom >Herrn Cogito<.

Mich haben die Leute mit den zerlumpten oder gefälschten Pässen und den zersplitterten Biographien, aus welchen Ländern auch immer, ob Opfer oder auch Täter der lebensgefährlichen Gewißheiten des 20ten Jahrhunderts, nie losgelassen, bis heute nicht. Es ist dabei - wie ich erst jetzt, erst allmählich zu bemerken glaube - weitaus weniger Betroffenheit über Wahn und Greuel im Spiel, als ich es viele Jahre angenommen hatte. Vielmehr eine Affinität zur Emigration an sich, ein grundlegendes Verständnis für die existentielle Bedeutung der Emigration - wie sie etwa bei Wolfgang Koeppen zum Audruck kommt, wenn er schreibt: >Ich bin immer ein Emigrant, war ein Emigrant bei meiner Geburt und werde ein Emigrant im Tode sein<. Was ging in meinem vierjährigen Kopf vor, als ich, einer Familienanekdote zufolge, den Rucksack meiner älteren Schwester die Gelfertstraße in Berlin Dahlem entlangzog und, von dieser älteren, inzwischen leider verstorbenen Schwester zur Rede gestellt, behauptete, ich wolle >auswandern Der Roman ist per se eine komödiantische Form, es können todtraurige Sachen darin passieren, aber der Roman bleibt - im Gegensatz zum Drama und zum Leben selbst - eine komödiantische Form, und deshalb brauchen wir ihn mehr als manches andere. Für mich ist er ein Heilmittel, ein Antidot gegen den Weltwortbrei und Weltgeheimnisverrat und die fragwürdigen, immer noch lebensgefährlichen Gewißheiten. Ein Roman, der mir gefällt, ob Raabes Stopfkuchen, Hamsuns Mysterien, Thomas Wolfes Look Homeward, Angel, Saul Bellows Herzog, Fitzgeralds The Great Gatsby oder Iris Murdochs Black Prince - ein solcher Roman besitzt die Größe, seine eigene Vergeblichkeit und komische Nichtigkeit nicht unbedingt explizit darzustellen, doch sozusagen inhärent gleich mitzuliefern wie in dem schönen Witz vom Hausbau:

Moishe kommt zum Rabbi und fragt ihn, wie man ein Haus baue. Der Rabbi schaut im Talmud nach, wo alles, aber auch wirklich alles erklärt ist, auch wie man ein Haus baut. Fundament, Wände mit Löchern für Fenster und Türen, Dach drauf, fertig. Nach ein paar Wochen kommt Moishe aufgeregt und behauptet: >Stürzt zusammen<. Das kann nicht sein, meint der Rabbi und schlägt wieder den Talmud auf. Hast du das Fundament gemacht, die Wände, die Löcher, das Dach? Ja, ja, ja! sagt Moishe. Dem Rabbi ist es ein Rätsel. Sein Finger fährt über die Seite, fährt die lange, sehr lange Spalte der Anmerkungen und Kommentare entlang. Dann schaut er auf und nickt betrübt: >Hast recht, Moishe. Hier steht es, Hausbau, Anmerkung 77 a: Stürzt zusammen.<

Alles, worüber ich heute bei dieser Preisverleihung etwas hätte sagen können oder sollen, die Krise, die Kriege, den Gesundheitswahn, die Straßenfeste, die Marathonläufe, die Stunden des Gedenkens an Straßenfeste und Marathonläufe . stürzt zusammen.
Auch über den Humor, der mir jetzt öfters attestiert wird, lassen sich, wenn es einem ernst mit ihm ist, keine Gewißheiten verbreiten - ganz im Sinne des verehrten Jerry Lewis:
>Man sagt nicht: Hey, Leute, hier kommt die Pointe. Sondern man bringt die Pointe!< Ob das nun Lubitschs So, they call me Concentration Camp Erhard! oder Billy Wilders Otto Piffl ist, der von den >Herren Kommunisten< zur Endlosschleife des Itsy bitsy teeny weeny Honolulu Strand Bikini durch die Mangel gedreht wird - die Historie liefert die politisch unkorrekte Pointe, man muß sie nur vom Straßenpflaster aufheben wollen.
>Da stand nun Egon Friedell, Doktor der Philosophie, Hofnarr des Publikums und, wie die meisten Hofnarren, dem Gebieter weit überlegen<, wie Felix Salten berichtete. Friedell, der 1938, als die SA an seiner Tür läutet, bevor er aus dem dritten Stock springt, nach unten ruft: >Treten Sie bitte zur Seite!< Diese Höflichkeit gegenüber dem Schrecken, ein Instrument, der Verzweiflung zu begegnen. Eine Art Nächstenliebe ist der Humor. >Der Mensch, das weinende Tier, das lachende Tier< - staunt sogar Nietzsche.

Wenn der Roman, diese urkomische, menschenfreundliche Form, nicht zur Pseudographie oder zum rein merkantilen Fleißprodukt degradiert werden soll, muß er gegen die Gewißheiten und die vorgefertigten Affekte und gegen den naiven Köhlerglauben an einen vermeintlichen Fortschritt hocherhobenen, irrwitzigen Hauptes anrennen wie der Quijote. Ob wir einen Blick durch das Mikroskop oder in den Himmel tun, wir schauen immer in die Vergangenheit; >mehr gibt's nicht<, wie die armen Köche der östlichen Suppenküchen zu sagen pflegten; mehr können oder sollen wir nicht sehen. Manchmal während des Schreibens verstehe ich Hebbels Satz: Daß man die Sachen einst besessen haben könnte, die man heute, in einem anderen Leben, stiehlt. Die menschlichen Tugenden und Das sogenannte Böse entziehen sich letzten Endes der Definition, sie bleiben unser rückschrittliches Geheimnis, sie machen den unerklärlichen Charme und den Horror der Gattung aus - und davon sprechen die Romane, die ich liebe.

Sometimes A Great Notion. Ein wunderschöner Romantitel von Ken Kesey. Mehr als diese große Ahnung, ab und zu, ist uns nicht beschieden. Womit wir wieder beim Urknall, also dem Gelächter, angelangt wären.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Ich danke für den Bremer Literaturpreis.


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