36. Literarische Woche Bremen: stadtRand+ 18.01-3.02.2011
Podcast
 
 
 
ab 6. Januar 2012
Wo Städte Auslauf haben
Radiophone Episoden aus dem Suburbanen
Podcast zur Literarischen Woche 2012

Aufgezeichnet und produziert von Tim Schomacker
Exklusiv auf www.literarische-woche.de
Mit Christopher Dell, Paul Hadwiger, Betty Kolodzy, Jan Meier, Heidemarie Schumacher, Albrecht Selge, Tina Uebel u.a.

Was am Rand liegt und was nicht, ist stets eine Frage der Perspektive. Die Peripherie ist eine solche nur vom Zentrum aus betrachtet. Dieses trägt – will man der Wortgeschichte des Peripheren folgen – den Rand mit sich herum. Oder: um sich herum. Ein Bewegungs-Bild.

Vielleicht aber trägt – vom Stadt-Rand aus betrachtet – dieser aber auch das Zentrum mit sich herum. In Johannesburg etwa ist das liegt das ehemalige Zentrum zwar geographisch nach wie vor zentral – aber es weist Charakteristiken auf, die in Mitteleuropa eher mit Vor-Städten in Verbindung gebracht werden. Nicht nur in Südafrika war es früher einmal einfacher, Stadt und Nicht-Stadt auseinander zu halten. Verlässt man etwa Frankfurt / Main in nördlicher Richtung, lässt man ein architektonisches Zentrum hinter sich – aber kaum die dazugehörige Zentralperspektive.

In einer Vorrede und vier Kapiteln nähert sich der Autor und Kulturjournalist Tim Schomacker dem Stadt-Rand. Oder besser: den Stadt-Rändern. Wohnt man dort hoch oder flach? Grün oder grau? Mit Blick auf Birken oder Bundesautobahnkreuze? Sind »Banlieues« tatsächlich Importware? Oder doch eher »Gated Communities«? Oder lebt es sich am deutschen Stadtrand wieder ganz anders. Nicht zufällig trägt eine hellsichtige Studie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu im Deutschen den hübschen Titel: »Der Einzige und sein Eigenheim«. Gerade am Stadtrand hängen die Fragen nach Wohneigentum und Lebensplanung eng zusammen. Auch das kann man in den Büchern der Gäste der Literarischen Woche 2012 nachlesen.

In Spaziergängen, Miniaturen, Expertengesprächen und, nicht zuletzt, Beiträgen zu und mit den Gästen der Literarischen Woche zeichnet die Podcast-Reihe »Wo Städte Auslauf haben« Fragen nach Biographien und Lebensentwürfen, Stadtplanerischem und Atmosphärischem im Suburbanen auf. Kurz: Was trägt der Stadtrand selbst mit sich herum?

Tim Schomacker, Jahrgang 1973, lebt als freier Journalist, Schriftsteller, Radiomacher und Musiker in Bremen.

Eine NBK/kulturg.u.t.-Produktion in Zusammenarbeit mit der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung
 
Abbildung: Symbolbild Podcast Literarische WocheAbbildung: Tim Schomacker (Foto: © Johann Peter Eickhorst)
Ausgabe 6: Die Stadt ist nur eine Fiktion
Ein Stadtplan ist im Grunde falsch. Genau wie das gelbe Schild, auf dem steht: Hier ist dieser oder jener Ort zu Ende. Denn beides sagt nicht, wie sich Stadt immer wieder neu herstellt. Durch Handlung und Versammlung, durch Wohnen und Lebensentwürfe.
Im Erzählcafé »Nach der Stadt ist vor der Stadt« berichteten drei professionelle Stadtrandbewohner davon, wie schwer es ist, diese Ränder geographisch festzumachen. Die Stadt sei ohnehin Fiktion, sagt - streng nach dem Urbanitätstheoretiker Henri Lefebvre, der Streetworker Jürgen Manteufel, der in Bremen-Nord lebt und in Lilienthal arbeitet. Der Musiklehrer Joachim Burkhardt wundert sich, dass er, seit er nach Bremen gezogen ist, stets an der Peripherie gelebt hat. Burkhardt arbeitet an einer Grundschule in Marßel und skizziert, wie sich dieser relativ junge Bremer Stadtteil zu einem selbstbewussten Quartier entwickelt hat. Silke Thomas schließlich ist Stadträtin in Achim und Mitbegründerin des dortigen Kulturzentrums KaSch. In ihrer Biographie kommen immer wieder Kleinstädte vor, die am Rande größerer Kleinstädte liegen. In dieser abschließenden Ausgabe von »Wo Städte Auslauf haben« hören Sie Ausschnitte aus dieser Veranstaltung, die am 28. Januar in der Krimibibliothek stattfand.
Die Stadt kommt vom Gebrauchswert. Das Urbane verändert sich innerhalb des Gebrauchens. Trotzdem tragen wir immer noch die Vorstellung der mittelalterlichen mitteleuropäischen Stadt vor uns her, sagt der Berliner Musiker und Stadttheoretiker Christopher Dell (»RePlayCity«). Im zweiten Teil eines Gesprächs berichtet Dell von T-Shirt-Käufen, von der Improvisation als urbaner Praxis, von der permanenten Produktion von Raum und vom Wunsch des urbanen Menschen, Entfernung aufzuheben.
Dateigröße: 24,2 MB, Abspieldauer: 53:24

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Ausgabe 5: Samstag bis 18 Uhr geöffnet
Hätte man hier ein Alkoholproblem, würde man wohl eine Hecke drumbauen. Oder eine Reihe Rhododendren. Mit ihrem Roman »Last Exit Volksdorf« (Wall-Saal, 27.1., 19 Uhr >> info) schreibt die 1969 geborene Hamburger Autorin Tina Uebel keine Stadtteilgeschichte, sondern ein Buch über das Böse. »Ich habe sehr theoretische Überlegungen, die mich beschäftigen, wenn ich einen Roman schreibe«, sagt Uebel. »In diesem Fall war es die Frage: Wo kommt das Böse eigentlich her? Das hat mit Volksdorf, wo ich herkomme, erst einmal gar nichts zu tun.« Gleichwohl lassen sich die Mechanismen, die das Zusammenspiel ihres Figurenensembles prägen, in einem gutbürgerlichen hanseatischen Vorort wie diesem buchweltlichen Volksdorf besonders gut beobachten. Wegen der dörflichen Struktur, die neben Vertrautheit auch soziale Kontrolle bedeutet; wegen der Fallhöhen und Verdrängungsleistungen, die gesellschaftliches Ansehen so mit sich bringen. Die Reeperbahn, wo Uebel als Literaturveranstalterin und Autorin seit vielen Jahren lebt, hat andere Problemlagen. Im Telefoninterview berichtet sie über die literarische Re-Konstruktion von Vor-Orten in der österreichischen Einöde und über das Reisen nach China.
WOHER KOMMT DAS WOHNEN? Der französische Soziologe Henri Lefebvre begann in den 1960er Jahren, die Stadt noch einmal ganz anders zu denken – von den Pariser Vororten her. Im ersten Teil eines Gesprächs berichtet der Berliner Musiker und Stadttheoretiker Christopher Dell (»RePlayCity«. Improvisation als urbane Praxis. 2011) von Lefebvres »Recht auf Stadt«, davon, wie man Musik und Stadt (oder das Nachdenken darüber) zusammendenken kann und wie sich urbane Räume als soziale Praxis beständig neu konfigurieren.
Dateigröße: 20,15 MB, Abspieldauer: 44:04

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Ausgabe 4: Künstliche Welten
Vorspann: Entlang der Begriffe Bewegung, Beobachtung und Begehren nehmen jüngere amerikanische Fernsehserien urbane Randräume in den Blick. »294 Sekunden GROSSTADTBILDERG« betrachtet – gewissermaßen als Vorfilm zu dieser Ausgabe von »Wo Städte Auslauf haben« – vier ausgewählte Eingangssequenzen.
Tagsüber lädt der Berliner Autor Albrecht Selge, Jahrgang 1975, seine Hauptfigur in einer Shopping Mall in Berlin ab. Als stellvertretenden Centermanager. Nachts durchstreift Albrecht Kreutzer die Metropole als eine Art zeitgenössischer Flaneur, dem Kern- und Vorstadt Eindrücke nur so um die Ohren hauen. Bei einem Besuch in seiner Wohnung in Moabit berichtet Selge, wie es zu seinem Roman »wach« (Wall-Saal, 29.1., 19 Uhr >> info) kam, was es mit den urbanen Audio-Guides auf sich hat, die er als Redakteur mitproduziert, und wie in Berlin Peripherie und Zentrum gelegentlich die – scheinbar klaren – Rollen tauschen.
Noch auf der Filmhochschule begann der Dokumentarfilmer Paul Hadwiger, den eigenwilligen hessischen Unternehmer Hermann Kümmel zu beobachten. Für seinen Film »Kümmel baut« begleitete Hadwiger fünf Jahre lang das Entstehen eines Einkaufszentrums in der Stadt Rzeszów im Südosten Polens. Am Telefon berichtet er von den Dreharbeiten, von gegenläufigen Ost-West-Bewegungen sowie von biographischen und urbanen Entwicklungen im Zeichen der EU-Erweiterung.

Dateigröße: 19,4 MB, Abspieldauer: 42:29

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Ausgabe 3: Bewegen und Beobachten
In ihrem ersten Roman, »Ein helles und ein dunkles Haus«, erzählt die Bonner Medienwissenschaftlerin Heidemarie Schumacher (Wall-Saal, 29.1., 19 Uhr >> info) von einer Gruppe von Menschen, die sich mitten im Gentrifizierungsprozess der Bonner Südstadt wiederfinden. In der Manier eines Chabrol oder des späten Bunuel, wie eine Rezensentin durchaus passend bemerkte, wird ein Geflecht von Beziehungen entworfen und überprüft. Dieses Beziehungsgeflecht verbindet sich mit diversen Stadtraumerkundungen, die die historischen, sozialen und ökonomischen Veränderungen immer wieder anders in den Blick rücken. Was die buchweltliche Südstadt von der realen unterscheidet, warum Wohnzimmerfenster mitunter Showrooms gleichen, wie Liebe und Wohnen versuchen, sich den Bildern anzugleichen, die wir uns von Liebe und Wohnen machen, und weshalb permanente urbane Veränderung sich manchmal – wenn auch unter neuen Vorzeichen – früheren Situationen nähert, davon berichtet die 1949 geborene und auf dem Land aufgewachsene Heidemarie Schumacher im Telefongespräch.
Dateigröße: 16,9 MB, Abspieldauer: 34:31

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Ausgabe 2: Rippenbekenntnisse und Windkraftanlagen
Dass die Farbfotografie ihren Platz in der Kunstgeschichte einnehmen konnte, ist noch gar nicht so lange her. Mitverantwortlich war eine Reihe amerikanischer Fotografen, die verstärkt die Klein- und Vorstädte (wieder) in den Blick nahm. Auch der Bremer Fotograf Jan Meier reiht sich in diese Tradition ein, wie nicht zuletzt die Bilder zeigen, die unter dem Titel »Zwischenorte« (Wallsaal, 19.1. bis 18.2., Eröffnung 19.1., 19 Uhr >> info) während der Literarischen Woche zu sehen sind: Versuche urbaner Oasen und Lagerhallen an der Peripherie sind darauf zu sehen – und keine Menschen. Wie er zu seiner Sicht der Dinge kam, welche Rolle der Himmel und die Geometrie dabei spielen und wie er mit der Intimität umgeht, die seine Betrachtungen immer auch bedeuten, erklärt Jan Meier bei einem Atelierbesuch mit anschließendem Ausflug nach Bremen-Marßel.
Im grüneren Teil von Bremen-Nord ist die Kurzgeschichte »Molodjez!« von Betty Kolodzy angesiedelt. Wie drei Bremer Kolleg/innen begab sich die 1963 in Wolfenbüttel geborene Autorin auf Einladung des Bremer Literaturkontors ins Suburbane – und fand einen Zugang zu Knoops Park an der Lesum. In ausschnittsweiser Lesung und umrahmendem Gespräch berichtet Kolodzy, wie dieser Text zustande kam, von sprachlichen und räumlichen Brückenschlägen, sowie von ihren Rundgängen am Bosporus, deren erzählerisches Substrat im vergangenen Jahr als »Istanbul Walking« in Buchform erschienen ist. Gemeinsam mit Artur Becker, Colin Böttger und Jutta Reichelt präsentiert Betty Kolodzy ihren stadtRand+ Text im Rahmen der Veranstaltung »Ein schmaler Streifen Peripherie« (Wallsaal, 3.2., 19 Uhr >> info)
Dateigröße: 18,6 MB, Abspieldauer: 39:36

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Ausgabe 1: Von Eiern und Eisenbahnbrücken
VOR(W)ORT
in dem der Verfasser sich daran erinnert, dass er selbst vom Stadtrand stammt und in dem er feststellt, wie dieser sich inzwischen verändert hat.

Kaum jemand hat das Verfließen der Grenzen zwischen Stadt und Land so freundlich auf den Punkt gebracht wie Italo Calvino. Weil's im Winter kalt ist, lässt er seinen Hilfsboten und Handlanger Marcovaldo nach Holz suchen. Für Holz zum Schlagen braucht man, weiß auch der Städter, einen Wald. Und findet, auf der Suche nach dem Wald, wie Marcovaldo, nur endlose Reihen immerhin ebenfalls brennbarer Billboards an der Ausfallstraße.

Im Prolog zum diesjährigen Literarische-Woche-Podcast – Wo Städte Auslauf haben – geht der Verfasser in Vorbereitung auf alle Gespräche und Rundgänge, die folgen werden, der Frage nach, wie sich Antlitz und Funktion des suburbanen Raums in seiner eigenen Lebenszeit verändert haben. Unterwegs trifft er Allegorien, Erzählfiguren und Beobachtungen von Peter Kurzeck bis zu T.S. Eliot und den Pet Shop Boys.
Dateigröße: 8,35 MB, Abspieldauer: 12:23

Ausgabe 1 direkt anhören:




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