

Was am Rand liegt und was nicht, ist stets eine Frage der Perspektive. Die Peripherie ist eine solche nur vom Zentrum aus betrachtet. Dieses trägt – will man der Wortgeschichte des Peripheren folgen – den Rand mit sich herum. Oder: um sich herum. Ein Bewegungs-Bild.
Vielleicht aber trägt – vom Stadt-Rand aus betrachtet – dieser aber auch das Zentrum mit sich herum. In Johannesburg etwa ist das liegt das ehemalige Zentrum zwar geographisch nach wie vor zentral – aber es weist Charakteristiken auf, die in Mitteleuropa eher mit Vor-Städten in Verbindung gebracht werden. Nicht nur in Südafrika war es früher einmal einfacher, Stadt und Nicht-Stadt auseinander zu halten. Verlässt man etwa Frankfurt / Main in nördlicher Richtung, lässt man ein architektonisches Zentrum hinter sich – aber kaum die dazugehörige Zentralperspektive.
In einer Vorrede und vier Kapiteln nähert sich der Autor und Kulturjournalist Tim Schomacker dem Stadt-Rand. Oder besser: den Stadt-Rändern. Wohnt man dort hoch oder flach? Grün oder grau? Mit Blick auf Birken oder Bundesautobahnkreuze? Sind »Banlieues« tatsächlich Importware? Oder doch eher »Gated Communities«? Oder lebt es sich am deutschen Stadtrand wieder ganz anders. Nicht zufällig trägt eine hellsichtige Studie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu im Deutschen den hübschen Titel: »Der Einzige und sein Eigenheim«. Gerade am Stadtrand hängen die Fragen nach Wohneigentum und Lebensplanung eng zusammen. Auch das kann man in den Büchern der Gäste der Literarischen Woche 2012 nachlesen.
In Spaziergängen, Miniaturen, Expertengesprächen und, nicht zuletzt, Beiträgen zu und mit den Gästen der Literarischen Woche zeichnet die Podcast-Reihe »Wo Städte Auslauf haben« Fragen nach Biographien und Lebensentwürfen, Stadtplanerischem und Atmosphärischem im Suburbanen auf. Kurz: Was trägt der Stadtrand selbst mit sich herum?
Tim Schomacker, Jahrgang 1973, lebt als freier Journalist, Schriftsteller, Radiomacher und Musiker in Bremen.
Hätte man hier ein Alkoholproblem, würde man wohl eine Hecke drumbauen. Oder eine Reihe Rhododendren. Mit ihrem Roman »Last Exit Volksdorf« (Wall-Saal, 27.1., 19 Uhr >> info) schreibt die 1969 geborene Hamburger Autorin Tina Uebel keine Stadtteilgeschichte, sondern ein Buch über das Böse. »Ich habe sehr theoretische Überlegungen, die mich beschäftigen, wenn ich einen Roman schreibe«, sagt Uebel. »In diesem Fall war es die Frage: Wo kommt das Böse eigentlich her? Das hat mit Volksdorf, wo ich herkomme, erst einmal gar nichts zu tun.« Gleichwohl lassen sich die Mechanismen, die das Zusammenspiel ihres Figurenensembles prägen, in einem gutbürgerlichen hanseatischen Vorort wie diesem buchweltlichen Volksdorf besonders gut beobachten. Wegen der dörflichen Struktur, die neben Vertrautheit auch soziale Kontrolle bedeutet; wegen der Fallhöhen und Verdrängungsleistungen, die gesellschaftliches Ansehen so mit sich bringen. Die Reeperbahn, wo Uebel als Literaturveranstalterin und Autorin seit vielen Jahren lebt, hat andere Problemlagen. Im Telefoninterview berichtet sie über die literarische Re-Konstruktion von Vor-Orten in der österreichischen Einöde und über das Reisen nach China.
WOHER KOMMT DAS WOHNEN? Der französische Soziologe Henri Lefebvre begann in den 1960er Jahren, die Stadt noch einmal ganz anders zu denken – von den Pariser Vororten her. Im ersten Teil eines Gesprächs berichtet der Berliner Musiker und Stadttheoretiker Christopher Dell (»RePlayCity«. Improvisation als urbane Praxis. 2011) von Lefebvres »Recht auf Stadt«, davon, wie man Musik und Stadt (oder das Nachdenken darüber) zusammendenken kann und wie sich urbane Räume als soziale Praxis beständig neu konfigurieren.
Dateigröße: 20,15 MB, Abspieldauer: 44:04
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Ausgabe 3: Bewegen und Beobachten
In ihrem ersten Roman, »Ein helles und ein dunkles Haus«, erzählt die Bonner Medienwissenschaftlerin Heidemarie Schumacher (Wall-Saal, 29.1., 19 Uhr >> info) von einer Gruppe von Menschen, die sich mitten im Gentrifizierungsprozess der Bonner Südstadt wiederfinden. In der Manier eines Chabrol oder des späten Bunuel, wie eine Rezensentin durchaus passend bemerkte, wird ein Geflecht von Beziehungen entworfen und überprüft. Dieses Beziehungsgeflecht verbindet sich mit diversen Stadtraumerkundungen, die die historischen, sozialen und ökonomischen Veränderungen immer wieder anders in den Blick rücken. Was die buchweltliche Südstadt von der realen unterscheidet, warum Wohnzimmerfenster mitunter Showrooms gleichen, wie Liebe und Wohnen versuchen, sich den Bildern anzugleichen, die wir uns von Liebe und Wohnen machen, und weshalb permanente urbane Veränderung sich manchmal – wenn auch unter neuen Vorzeichen – früheren Situationen nähert, davon berichtet die 1949 geborene und auf dem Land aufgewachsene Heidemarie Schumacher im Telefongespräch.
Dateigröße: 16,9 MB, Abspieldauer: 34:31
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Kaum jemand hat das Verfließen der Grenzen zwischen Stadt und Land so freundlich auf den Punkt gebracht wie Italo Calvino. Weil's im Winter kalt ist, lässt er seinen Hilfsboten und Handlanger Marcovaldo nach Holz suchen. Für Holz zum Schlagen braucht man, weiß auch der Städter, einen Wald. Und findet, auf der Suche nach dem Wald, wie Marcovaldo, nur endlose Reihen immerhin ebenfalls brennbarer Billboards an der Ausfallstraße.
Im Prolog zum diesjährigen Literarische-Woche-Podcast – Wo Städte Auslauf haben – geht der Verfasser in Vorbereitung auf alle Gespräche und Rundgänge, die folgen werden, der Frage nach, wie sich Antlitz und Funktion des suburbanen Raums in seiner eigenen Lebenszeit verändert haben. Unterwegs trifft er Allegorien, Erzählfiguren und Beobachtungen von Peter Kurzeck bis zu T.S. Eliot und den Pet Shop Boys.