
Rede
Zur Ausstellungseröffnung Jan Meier – Zwischenorte
Von Iwona Bigos
Liebe Gäste,
als mich Jan gefragt hat, ob ich Lust hätte zu seiner Ausstellung zum Thema des Dazwischenseins – des Zwischenortes zu sprechen, habe ich sofort zugesagt. Nicht nur weil ich sein fotografisches Werk seit Jahren verfolge, schätze und sehr mag. Auch das Thema selbst liegt mir nah – dazwischen zu sein. Es ist eine Form von An- und Abwesenheit zugleich. Man befindet sich irgendwo an einem undefinierbaren Ort. Manchmal, wenn man ihn definieren kann, gehört er nirgends wirklich dazu. So ist es auch mit einem Teil der ausgestellten Werke. Sie können nicht als eine direkte Illustration dieses Zustands definiert werden. Sie zeigen viel mehr den tiefsinnigen Humor des Künstlers.
Hier nenne ich vor allem das bedeutungsschwere Bild eines Flugzeugs. Gibt es ein besseres Synonym für einen Zwischenort als ein Flugzeug? Dazu zeigt der Fotograf die Maschine nicht wie viele andere fliegend, sondern fahrend auf einem Flughafen. Ob sie sich in der Phase vor dem Start oder nach der Landung befindet, weiß man nicht. Man weiß auch nicht, ob es sich um den Bremer Flughafen oder irgendeinen anderen handelt. Diese Unbestimmtheit der aufgenommenen Orte gehört zu den gemeinsamen Elementen, die alle Fotografien Jan Meiers aufzeigen. Alles geschieht zwischen irgendwo und nirgendwo, wenn etwas geschieht.
Somit ist es auch nur im ersten Moment ungewöhnlich, ein leeres Schwimmbecken als einen Zwischenort zu zeigen. Wird gerade eine Schwimmhalle nicht in der Absicht gebaut, einen Raum zu erschaffen, in dem man auch im Winter die Wärme der Luft und des Wassers genießen kann? Ein Raum, in dem man der Wirklichkeit entflieht – ein Kunstraum, dem gegenüber man nicht gleichgültig bleiben kann. Gehören Sie zu den Schwimmbadliebhabern oder -hassern?
Hier erreicht Jan Meier aber noch etwas anderes. Das Bild ist so realistisch, dass man fast den starken Chlorgeruch wahrnehmen kann. Es ist fast hyperreal aber auch irgendwie seltsam unwirklich, so leer, so leise, ohne Menschen.
Die Menschen sind überhaupt selten auf Jans Fotos zu sehen. Wenn, dann reduziert er sie zu einer Staffage, behandelt sie sehr sachlich – wie einen Busch, einen Zaun, ein Auto oder eine Topfpflanze. Sie sind nur ein zufälliger Teil der gezeigten Welt, ein Element auf das man auch verzichten kann.
Wie in dem nächsten Ort des Dazwischenseins – einer Unterführung. Hier hätte ein Mensch nur gestört. Er könnte sich in eine bestimmte Richtung bewegen, sich in den leeren Schaufenstern spiegeln und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und wenn man der Fantasie ihren freien Lauf ließe, könnte er verletzt auf dem Boden liegen, kniend betteln oder schreiend weglaufen. Die nackte Architektur, so menschenleer, so geräuschfrei animiert zu dem Spiel mit der eigenen Vorstellungskraft. Der Künstler lässt den Betrachter absichtlich in der Auseinandersetzung mit dem Ort allein
Wenn man über den Begriff des Zwischenortes direkt im urbanen Sinn nachdenkt, kommt man schnell auf die Orte, für die es noch keinen richtigen Name gibt. Die Orte, die als Lebens- und Arbeitsraum dienen, die aber keine urbane oder dörfliche Struktur besitzen. Die weder als ländlich noch als städtisch zu beschreiben sind. Manchmal nennt man sie Vororte, manchmal Industriegebiete, was das Wesen dieser Orte aber meist nur unzureichend trifft.
Allerdings haben die Urbanisten diese neue Stadtentwicklung der letzten Jahre längst bemerkt und in der Wissenschaft wird dafür einen fester Begriff verwendet – die Zwischenstadt. Laut dem Architekten Thomas Sievers »besitzt die Zwischenstadt mehr Eigenständigkeit als der Vorort und kann sich von der Kernstadt unabhängig machen. Wo die Definitionsgrenzen der Zwischenstadt liegen ist nicht genau festgelegt. Sie besitzt meist keinen historischen Siedlungskern und ist in kurzer Zeit entstanden. Auch die Ausrichtung und Entwicklung der Zwischenstadt erfolgt relativ ziel- und planlos.«
Diese Planlosigkeit der Zwischenstadt, diese unerwartete Verbindungen von Wohn- und Industriegebieten findet man auf vielen Bildern von Jan Meier wieder. Faszinierend ist, wie der Künstler die Schönheit dieser Orte findet und erfindet. Er zeigt Blechhallen, geleckte Klinkerhäuser, spießige Kleingärten, wo die Natur entnaturalisiert wurde. Orte die man nicht unbedingt als sehenswert bezeichnen würde. Doch die Zusammenstellung der Ausschnitte überrascht und seine Fotografien gleichen mehr einem Stillleben als Dokumentaraufnahmen. Die Komposition der Form und der Farbe ist durchdacht, ausgewogen und sie erlaubt das Gesehene als schön und das Gewöhnliche als besonders zu betrachten. Die dargestellten Unorte, bekommen einen universellen Charakter. Und obwohl sie überall zu finden sind, braucht man den Blick eines guten Beobachters, um sie so zu sehen.
Am Ende möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf ein Foto lenken, das mich zum Lachen brachte als ich es vor ein paar Monaten zum ersten Mal sah. Es ist das Bild, was den Begriff des Zwischenortes meines Erachtens am besten illustriert. Die kleine Eisdiele. Allerdings muss ich Sie damit allein lassen. Dieses Bild, so glaube ich, benötigt keinen Kommentar.
Ich möchte mich herzlich bei dem Künstler dafür bedanken, dass er uns eine Welt geschenkt hat, die wir aufs Neue entdecken können, in der wir die Zügel unserer Fantasie loslassen dürfen und sie mit eigenen Geschichten beleben können.
Vielen Dank fürs Zuhören und viel Spaß beim Anschauen der Bilder.